»sonArc« Projekt

»sonArc ion – Der domestizierte Blitz« Ein transdisziplinäres Projekt des Medienkünstlers Jan-Peter E.R. Sonntag um codierte Plasmen auf der Suche nach dem Wesen der Elektrizität, transmedialen Erscheinungen und den Pionieren unserer elektrisch-elektronisch geprägten Welt. »tesla« Medienkunst- zentrum Berlin im November 2005. Projektmanagement: Klaus C. Ulbricht. Pressearbeit und Redaktion: Olaf Bargheer. www.sonarc-ion.de

Projektbeschreibung 2005

»sonArc ion – Der domestizierte Blitz«

»Die Spaziergänger«, schreibt ein Passant 1855 über eine Beleuchtungsaktion mit Lichtbögen in Lyon, »die sich gestern Abend gegen neun Uhr in der Umgebung des Chateau Beaujou aufhielten, wurden plötzlich von einer Lichtflut überschwemmt, die so hell wie die Sonne war. Das Licht, das ein großes Gebiet überflutete, war so stark, dass die Damen ihre Schirme aufspannten – nicht aus Galanterie gegenüber den Erfindern, sondern um sich gegen die geheimnisvolle Strahlung zu schützen.«

Nach über einem Jahrhundert Elektrifizierung blickt die digitale Gesellschaft auf ein Arsenal an ausgedienten oder nie verwirklichten elektrotechnischen Errungenschaften zurück. Und muss konstatieren, dass sich Funktionsweisen mit abnehmender Halbwertzeit dem Verständnis immer mehr entziehen. Je stärker unser Alltag in fürsorgliche Belagerung und Abhängigkeit von analogen und digitalen Technologien gerät, desto mehr entfremden wir uns von ihnen. Der Mensch reduziert sich zum User, der elektronischen Prozessen ähnlich unschlüssig gegenübersteht wie die Großstadtbewohner des 19. Jahrhunderts der Erfindung des elektrischen Lichts. Das Maschinenzeitalter, schreibt der Journalist Aby Warburg 1926, verwandelt den mythologischen Andachtsraum in einen rein pragmatischen Denkraum. Die Technisierung nimmt der Kultur das Transzendente, mithin auch den sinnlichen, künstlerischen Zugang.

Die Projektreihe »sonArc ion – Der domestizierte Blitz« bildete im November 2005 den Prolog zu einer umfassenden künstlerischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der elektrischen und elektronischen Vernetzung der Welt. Die Installation des Medienkünstlers Jan-Peter E.R. Sonntag verwandelt den pragmatischen Denkraum des Wissenschaftlichen in einen reflexiven Kunstraum. Auf einem mediengeschichtlichen Weg zurück zu den um 1900 entwickelten Lichtbogenlautsprechern wird in einer verdichteten Dramaturgie ein Installationssetting bespielt, das technische Funktionsweisen sinnlich vermittelt.

»sonArc ion« geht über eine bloße Versuchsanordnung hinaus: Die offen verschalteten Apparaturen werden auf ihre technische Substanz hin untersucht. Spannungsfelder, Emissionen, Strahlungen werden abgenommen und über Computerinterfaces in ein dichtes Klang-Environment transformiert. Projektionen und Lesungen von zeitgeschichtlichen Texten verdeutlichen gesellschaftliche Kontexte. Der Aufführungsraum ist in Dunkelheit, Glühlampenflackern und Sinustonbrummen getaucht. Er wird zu einem Laboratorium, zum Grenzgebiet zwischen Kunst und Wissenschaft. Ein Labor, in dem auf künstlerischem und diskursivem Weg grundlegende Fragen nach der Substanz des Technologischen aufgeworfen werden.

»sonArc ion« arbeitet mit den Nebenerscheinungen der Technologisierung. Elektrosmog, Brummen, Rauschen – was gewöhnlich als Störemissionen gehandelt wird, verwendet »sonArc ion« als reine Äußerungsform von Elektrizität. William Duddel entwickelte aus dieser Sichtweise heraus vor einhundert Jahren Hochspannungsplasmen, die gleichermaßen Licht und Schall erzeugen.

Jan-Peter E. R. Sonntags Weiterentwicklung von Duddels Lichtbogen schließt den Kreis: die beiden »sonArcs«, anderthalb Meter über den Köpfen der Zuschauer positioniert, springen mit einem gleißenden Funken an, wenn alle Rauschgeneratoren, Teslas und Glühlampen heruntergefahren sind. Die Komposition schließt redundant mit einer Coda. Alle wahrnehmbaren Schnittstellen zwischen Zuschauer und Installation sind reduziert auf ein offenes Hochspannungsplasma, das als unmittelbare Schallquelle digitale Datensätze liest.

»Wir haben«, konstatierte Michael Faraday vor 160 Jahren visionär, »tatsächlich das Grenzgebiet berührt, wo Materie und Kraft ineinander überzugehen scheinen. Hier, so scheint mir’s, liegen die letzten Realitäten.«

Die drei konzertanten Bespielungen im November 2005 wurden flankiert von einer Reihe interdisziplinärer Salon-Abende, in denen sich Gesprächspartner aus Kunst und Wissenschaft mit der Entwicklung der elektronischen Musik und Aspekten der Elektrifizierung befassten.

»sonArc ion – Der domestizierte Blitz« war der Prolog für eine Projektreihe zur Würdigung des 150. Geburtstages von Nicola Tesla im Jahr 2006. Jan-Peter E. R. Sonntag plant für den Herbst ein auf drei Tage angelegtes wissenschaftliches Forschungskolloquium. Das Symposium wird maßgeblich vom Hauptstadtkulturfonds der Stadt Berlin gefördert. Das sonArc Projektteam hat Kooperationen mit Forschungslaboratorien sowohl in Berlin und Brandenburg als auch international in den USA, Russland und Japan geschlossen. Die Projektgruppen entwickeln ab Januar 2006 den installativen Aufbau für eine raumgreifende, begehbare Installation um einen acht Meter langen freien Blitz. Das Setting zeichnet sich durch Reduktion auf codierbare Plasmen aus. Es verzichtet vollständig auf den Einsatz von Licht- und Tontechnik.

»sonArc ema – Earth Machine« wird, inspiriert durch die Entwürfe Nicola Teslas, die Themenfelder Elektromagnetismus und Resonanzwellen besetzen und die unmittelbare Erlebbarkeit von Phänomenen ermöglichen. Ein Projekt an der Schnittstelle zwischen Medienkunst, Wissenschaft und Energiewirtschaft.

Pressemitteilung vom 18. Oktober 2005

»sonArc ion – Der domestizierte Blitz«

Ein transdisziplinärer Diskurs um codierte Plasmen auf der Suche nach dem Wesen der Elektrizität, transmedialen Erscheinungen und den Pionieren unserer elektrisch-elektronisch geprägten Welt.

Der Prolog zum wissenschaftsübergeifend angelegten Projekt »Der domestizierte Blitz« unternimmt am Berliner Medienkunstzentrum »tesla« vom 4. bis 19. November 2005 einen Brückenschlag zwischen Kunst, Musik und Wissenschaft. Jan-Peter E.R. Sonntag und sein Team entwerfen entlang der »sonArcs« – einer Weiterentwicklung von William Duddels um 1900 entwickelten singenden Lichtbögen – ein installatives Setting, in dem grundsätzliche Fragen nach der Substanz des Technologischen aufgeworfen werden.

Die Bühne des »tesla« wird zwei Wochen lang zum performativen Labor. Digitale und analoge Technologien aus über einhundert Jahren elektronischer Entwicklung werden zu einem offenen System verschaltet. Das multicodierte Plasma der »sonArcs«, Funken, Blitze, Hardware- und Software-Bending sind Elemente von drei komponierten Bespielungen der Installation (4., 12. und 19. November jeweils 20.30 Uhr). Textfragmente aus der frühen Äthertheorie stellen die Frage nach dem Wesen der Elektrizität. Zwei Hochspannungsplasmen kommunizieren über Radiowellen im Raum und erzeugen gleichermaßen wahrnehmbar Licht und Schall. Auf der Suche nach der minimalsten Schnittstelle zwischen elektrischen Systemen wird auch der menschliche Körper direkt mit der Anlage verschaltet.

In drei Salons (5., 10. und 17. November 2005 jeweils 20.30 Uhr) diskutieren geladene Künstler und Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen entlang der Erfindung des Lichtbogens und seiner medialen Weiterentwicklung über die Geburt der elektronischen Musik, transmediale Erscheinungen und Lenins angedachte Elektrifizierung des ganzen Landes.

Zwei Screenings (11. und 18. November 2005 jeweils 20.30 Uhr) zeigen Filme zum Thema: Dokumentationen zu Verschwörungstheorien und geheimen Waffenprogrammen wechseln mit anachronistischen Lehrfilmen zum Umgang mit Elektrizität und skurril anmutenden Werbefilmen über die Segnungen der elektrischen Welt.

Der Prolog zum Projekt »Der domestizierte Blitz« lotet den Kontext der Frage nach dem Wesen der Elektrizität aus. Das Projekt bildet die Vorstufe zu einer großen Ausstellung mit erweiterten Salons und Symposien zum 150. Geburtstag von Nikola Tesla im kommenden Jahr.

Buch Release 2. Dezember 2008

»sonArc – der domestizierte Blitz«
Herausgegeben von Jan-Peter E.R. Sonntag und »tesla« Berlin
Kulturverlag Kadmos, Berlin, 2008
371 Seiten, davon 46 Farbseiten
16,5 x 14,5 cm, gebunden, mit beiliegender DVD
ISBN: 978-3-931659-97-4
Preis 34,90 EUR

Das »sonArc« Projekt ist ein Zyklus in wechselnden Formaten um die apparative Domestizierung des Blitzes, die Codierung freier Plasmen und eine Suche nach dem Wesen der Elektrizität und zugleich nach den elektrischen und elektronischen Wurzeln und Visionen unseres Medienzeitalters.

Mit Beiträgen von Sebastian Döring, Wolfgang Ernst, Wolfgang Hagen, Friedrich Kittler, Verena Kuni, Ana Ofak, Dirk Schadach, Heinz Schott, Jan-Peter E.R. Sonntag, Joachim Stange Elbe, Henry Westphal.

»Jan-Peter Sonntag versucht nichts geringeres, als die Entgrenzungsbewegungen der Moderne zu vollenden, indem er ein masseloses Interface entwickelt und die elektrischen Träume aus zwei Jahrhunderten Wirklichkeit werden läßt.«

Jan-Peter E.R. Sonntag, geboren 1965, Künstler und Komponist, studierte Bildende Kunst, Kunstwissenschaft (Schwerpunkt Neue Medien), Musik und Philosophie. Seit 1988 zahlreiche internationale Ausstellungen meist ortsbezogener Installationen mit Licht und Sound an den Schnittstellen zwischen menschlichem Körper und technisch-medialen Systemen. 2002 Gründung des Entwicklungslabors N-solab. Deutscher Klangkunstpreis und CYNETART Award 2008.

30.11.2005
von scoop think tank

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