Musik für Theater

Beitrag für das “Dreiklang” Magazin der Oper Leipzig im Mai 2013. Die beiden Indiepop- / Elektronik-Musiker Thomas Leboeg (Elektronik, “Kante”, Hamburg) und Andi Haberl (Percussion, “The Notwist”, Weilheim) begleiten Mario Schröders Ballettabend “Das Nibelungenlied” an der Oper Leipzig. Das wäre noch vor einigen Jahren höchst ungewöhnlich gewesen – findet sich heute aber an vielen Theaterbühnen und wird vom Publikum und den künstlerischen Produktionsteams gleichermaßen dankbar angenommen. Drei Beispiele aus Hamburg, Berlin und Leipzig.

Thomas Leboeg und Andi Haberl stehen im Instrumentenfundus der Oper Leipzig. Sie stöbern in den Regalen und befühlen Holz und Blech. Glanz in den Augen, wie bei einem Besuch in einem Antiquitätenladen oder auf dem Trödel. Daniel Richwien, Leiter des Orchesterbüros der Oper, steht im Türrahmen und erklärt mit ruhiger Stimme, welche Instrumente vom Gewandhausorchester nicht verliehen werden können und welche eindeutig ausgemustert und seit Jahren nicht gespielt sind. Haberl und Leboeg sind mit allem zufrieden. Sie sind es gewohnt, auf zusammengesuchtem Instrumentarium zu improvisieren. Es inspiriert sie geradezu, ein unvollständiges Vintage-Drum-Set und ein ausgedientes Vibrafon einzusetzen und aus eigenen Beständen zu ergänzen.

Später kommt man im Orchestergraben zusammen. Thomas Leboeg hat sein MacBook mit allerlei analogen Sequenzern und Effektgeräten verkabelt, Andi Haberl jammt auf dem angestaubten Schlagzeug. Es ist so etwas wie die erste Orchesterprobe für das “Nibelungenlied”. In dieser improvisatorischen Form wird Leboeg die Komposition des Ballettabends entwerfen. Wie im Aufnahmestudio. Wie in einem Jazzkeller. Ab Mai gemeinsam mit den Tänzern des Leipziger Balletts und mit der Berliner Hörspielautorin und Dramaturgin Beate Andres. Perkussion- und Elektronik-Instrumente werden dann zu einem szenischen Bestandteil der Bühnenproduktion, die Musiker zu Akteuren auf der Bühne. Das kennen Haberl und Leboeg von der Bühne der Berliner Schaubühne. Und von ihren Kollegen aus Hamburg.

#1 Erobique – Trip zwischen Welten – Soundtrack to Utopia

Dort, an der Alster, am Thalia Theater brachte der Theaterregisseur Stefan Pucher in den vergangenen Spielzeiten zwei Mal Produktionsteams zusammen, die man zuvor nicht auf einer Theaterbühne erwartet hatte. An Puchers Collage-Stücken “Andersen – Trip zwischen Welten” und “Quijote – Trip zwischen Welten” wirkten Autoren wie Juli Zeh, Roland Schimmelpfennig und Dietrich Diederichsen mit. Bildende Künstler wie Jonathan Meese oder Chris Kondek standen Barbara Ehnes bei der Konzeption des Bühnenbildes zur Seite. Und auf der von allerlei Spiegelkabinetten und Videoprojektionen dominierten Bühne sass, gemütlich und ein wenig launisch, Carsten “Erobique” Meyer. Mit gestärktem Kragen und Tressen (“Andersen”) oder Sombrero (“Quijote”). Verschanzt hinter einem Arsenal von analogen und digitalen Klangerzeugern und einem Mikro, in das Meyer seine Songs nuschelte.

Stefan Puchers assoziativen, sinnlichen Abend über den Ritter von der traurigen Gestalt untermalen Carsten Meyer und sein Begleiter Ben Schadow wie trashige Mariachi-Musiker. Mit Ukulelen, ironischen Kommentaren und amerikanischen Pop-Songs, die 1-zu-1 ins Deutsche übersetzt werden. Erobique schaffte mit seinem Engagement am Thalia Theater den Sprung aus der Kaschemme des “Golden Pudel Klub” an die großen Bühnen. Am Berliner Gorki Theater bekommt er zum Abschluss von Armin Petras’ Intendanz einen eigenen Abend: “Soundtrack to Utopia”. “Ein Konzert für Utopisten und Weltverbesserer mit fünf Klavieren, zahlreichen Luftballons und der festen Hoffnung, dass alles auch ganz anders sein könnte.”

#2 Apparat – Krieg und Frieden – Music for Theatre

Ähnlich entwickelte sich die Zusammenarbeit des Leipziger Centraltheaters mit dem Berliner Elektronik-Produzenten Sascha Ring / Apparat. Der bekam von Regisseur Sebastian Hartmann und Musikkurator Christoph Gurk das Angebot, die fünfstündige Inszenierung von Leo Tolstois “Krieg und Frieden” akustisch auszustatten – mit einem Soundtrack aus elegischen Streicherarrangements, atmosphärischem Rauschen und der hypnotisierenden, an Thom York (Radiohead) erinnernden Stimme Sascha Rings.

Der Produzent und seine drei Live-Musiker sind dabei ähnlich präsent wie die Musiker bei Stefan Pucher oder Mario Schröder: Der wuchtigen Bühne des bildenden Künstlers Tilo Baumgärtel vorgelagert, in der ersten Zuschauerreihe des Centraltheaters, verleihen sie der Inszenierung mit Frack und Kummerbund beträchtlichen Ernst. Ein Ernst, der durch die betörende, großflächig arrangierte Musik auf eine Ebene gehievt wird, dass Pink Floyd damit zufrieden wäre.

“Krieg und Frieden” wurde nach den Vorstellungen bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen und am Leipziger Centraltheater im Mai 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Sascha Ring hat das musikalische Verwertungsverfahren umgestellt und die Theaterkomposition zu einem “Apparat”-Album kompiliert: “Music for Theatre”, so der konsequente Untertitel seiner Platte, die in den Musikmagazinen dieses Frühjahres bisweilen hymnisch besprochen wurde.

#3 Kante – The Notwist – The Black Rider

Thomas Leboeg und Andi Haberl kommen mit der Referenz der Berliner Schaubühne zum Leipziger Ballett. Dem hiesigen Produktionsteam sind die “Nibelungenlied”-Musiker über ihre Bands gut bekannt: Leboeg lebt trotz deutschlandweiter Engagements nach wie vor in Hamburg Altona – Heimat einer Reihe deutschsprachiger Bands, die in den Neunzigern unter dem Begriff der “Hamburger Schule” firmierten. “Kante” ist eine davon. Andi Haberl kommt aus dem wesentlich ländlicher geprägten Weilheim. Die oberbayerische Stadt ist in der Topografie der Independent- und Elektropop-Szene gleichwohl ein Zentrum: Hier frickeln “Console”, “The Notwist” oder “Lali Puna” an ihren stilbildenden Synthesizer-Pop-Klängen. Im vergangenen Jahr fanden die Musiker von “Kante” und “The Notwist” an der Berliner Schaubühne zusammen – in einem Line-up, das sich wie eine Schlagwortwolke diverser Pop-Diskurse liest: Bill Burroughs, Tom Waits, Bob Wilson. Die 1974 geborene Regisseurin Friederike Heller inszenierte “The Black Rider” als einen Teufelskreis aus Versagensangst, Erfolg und der Sucht nach mehr.

#4 Das Nibelungenlied

In Mario Schröders und Beate Andres’ “Nibelungenlied” an der Oper Leipzig wird die Arbeitsweise des Elektropop und des Jazz mit der des Balletts kurzgeschlossen. Choreografie und Komposition entstehen zeitgleich. Eine Rhytmusangabe muss dem Choreografen Mario Schröder ausreichen bei seinen vorbereitenden Notationen: 110 bpm. 4/4. Perkussion. Eine Basslinie. Keybord-Sounds wie von einer Hammond-Orgel. Thomas Leboeg und Andi Haberl werden anders mit der 40-köpfigen Ballett-Company arbeiten als die Dirigenten Ulf Schirmer oder William Lacey. Kein Gewandhausorchester im Graben, kaum Partituren. Aber ein feiner Blick auf den Tanz, auf Rhythmus und Körperspannung und auf eine Erzählsprache, die ohne Worte auskommt und die im Zusammenspiel mit den jazzigen Improvisationen und den Loops aus Fritz Langs Stummfilm ein düsteres mittelalterliches Epos erfrischend neu erzählt.

Bildstrecke von der ersten Live-Musik-Probe mit der Company des Leipziger Balletts am 23.05.2013 im Uwe-Scholz-Ballettstudio der Oper Leipzig.

04.06.2013
von scoop think tank

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