Redaktion für Leipziger Ballett und Oper Leipzig

Sammlung von ausgewählten Textbeiträgen für die Oper Leipzig in der Spielzeit 2012 / 2013. Premierenankündigungen, Stückbeschreibungen, Monatsspielpläne mit zwischengesetzten “Hinter den Kulissen” Texten, Facebook Beiträge und Pressemitteilungen.

“Tanz in den Häusern der Stadt #6 – Picturesque”

Der sechste Teil der Reihe “Tanz in den Häusern der Stadt” führt das Leipziger Ballett in das geschichtsträchtige UT Connewitz – Deutschlands ältestes erhaltenes Lichtspieltheater feiert am ersten Weihnachtstag 2012 seinen 100. Geburtstag. Unsere Produktion greift die bewegte Geschichte und die spezifische Architektur des Filmtheaters auf. Projektionen und Bewegtbilder, das Festhalten flüchtiger Momente auf Zelluloid – alle Elemente, die den Film in seiner Frühzeit zu einem revolutionären Medium machten, werden einer intensiven choreografischen Untersuchung unterzogen. Das konservieren des Augenblicks und das Außerkraftsetzen der Vergänglichkeit steht oberflächlich betrachtet in krassem Gegensatz zum Tanz, der nur auf auf den Moment abzielt. Wie ähnlich oder einander ergänzend die beiden Medien sein können, lässt sich an zwei hochspannenden Abenden erleben.

“Eine Weihnachtsgeschichte” – Ballett von Mario Schräder – Premiere am 17.11.2012

Ein besinnliches Märchen ist Charles Dickens’ “A Christmas Carol”, aber auch ein Lehrstück über Gier, Profitdenken und Kaltherzigkeit. Mario Schröder bringt Dickens’ berühmtes Weihnachtsmärchen von der Wandlung des Geizkragens Scrooge zum warmherzigen Wohltäter in farbigen und fantasievollen Bildern auf die Bühne, die den Ballettabend zu einem Erlebnis für die ganze Familie machen.

Kaum zu Bett gegangen, wird der skrupellose Geschäftsmann Scrooge am Weihnachtsabend von unheilvollen Visionen heimgesucht, die ihn in seine Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft führen. In der Vergangenheit erlebt er Szenen seiner Kindheit, einer Zeit der Einsamkeit und Demütigung, die Scrooges späteren Charakter geprägt hat. Dann führt ihn der Traum zu den Weihnachstfesten der Reichen und der Armen, und Scrooge erkennt die kraft- und freudespendene Macht des Festes, das er so verachtet. Schließlich träumt er seine Zukunft und sieht die Folgen seiner rücksichtslosen, von der Gier getriebenen Lebensweise: Sie stürzt Menschen ins Unglück, er selbst wird einsam und unbetrauert sterben. Tief bewegt erwacht Scrooge aus seinem Traum und beschließt, sein Leben zu ändern.

Dazu will auch Dickens die Menschen bewegen, damit sich endlich “all das Gute, das auf Erden möglich ist, entfalten kann”. So entwickelt sich die Weihnachtsgeschichte zu einem Appell an die gute Seite jedes Menschen, die vielleicht verschüttet liegt, aber wieder zutage gebracht werden kann. Angesichts der wachsenden sozialen Spannungen in unserer Gesellschaft durch das immer größere Gefälle zwischen Arm und Reich ist Dickens’ Appell an die soziale Verantwortung jedes Einzelnen heute vielleicht aktueller denn je.

Mario Schröder hat diese Aktualität im Blick, bringt mit seinem Ballett zur “Weihnachtsgeschichte” aber vor allem ein großes Familienstück auf die Bühne, das mit seiner farbenfrohen Ausstattung und den großen symphonischen Werken von Claude Debussy, Maurice Ravel, Edvard Grieg und vielen anderen Komponisten ein Erlebnis für Groß und Klein wird.

“Das Nibelungenlied” – Ballett von Mario Schröder – Premiere am 14.06.2013

Die Wucht der Nibelungensaga erscheint von heute aus gesehen wie ein fernes Relikt aus einer archaischen, mittelalterlichen Vorzeit. Immerhin: Die mittelhochdeutschen Verse des Nibelungenliedes gelten als eine der ältesten Epen eines deutschsprachigen Mitteleuropa – und wurden seit der Wiederentdeckung in der Romantik für allerlei patriotische Identitätstümelei herangezogen und verfremdet. Zuallererst ist das Epos ein erstaunlich staubfreies Dokument einer vergangenen Kultur, ein gesamteuropäisches Volksmärchen, ein Mythos und große Dichtkunst. Im Nibelungenlied wird die Selbstzerstörung einer Hochkultur beschrieben, der Zerfall einer Ordnung, deren Systematik und Werte niemand mehr für zukunftsfähig hält. Welche Ordnung sich als Nächste etablieren wird, ist am Ende der Sage ebenso ungewiss, wie wir heute “Wege aus der Krise” benennen können. Die Zeitenwende ist der Leitgedanke und der Aktualitätsbezug bei unserer Neuadaption des Stoffes. Gemeinsam mit der Hörspielautorin und Regisseurin Beate Andres entwirft Mario Schröder einen szenischen Bogen, der die Geschichte vom Fall der Burgunder dorthin zurückbringt, woher sie kam, bevor sie Dichtung wurde: in die Welt der körperlich-sinnlichen Erfahrung.

Diese erlebnisreiche Reise unternehmen die Mitglieder des Produktionsteams mit ihren ganz eigenen künstlerischen Ausdrucksformen: Beate Andres greift auf Versatzstücke aus ihrem Hörspiel “Das Nibelungenlied” (SWR 2007) zurück. Paul Zoller und Andreas Auerbach setzen auf Fritz Langs bildgewaltigen Stummfilm (1924), der über großflächige Projektionen das Bühnenbild bestimmen wird. Auch nach neunzig Jahren überzeugt der Urgroßvater aller Fantasy-Blockbuster durch seine perfekte, malerische Bildkomposition, seine aufwendige Ausstattung, innovative Tricks und visuelle Effekte. Aus Hamburg, Berlin und Weilheim stoßen zwei Musiker dazu: Thomas Leboeg (“Kante”) und Andi Haberl (“The Notwist”) werden für den Ballettabend nicht nur einen neunzigminütigen “Scope” komponieren – die beiden Musiker werden samt Ihrem umfangreichen analogen und elektronischen Instrumentarium auch szenischer Bestandteil der Bühnenaufführung sein.

Mit dem “Nibelungenlied” feiert Leipzig seinen zweiten großen Ballettabend zum Wagner-Jahr 2013 – und erlebt, wie sinnlich und kraftvoll die großen Stoffe der Geschichte mit der Sprache des Tanzes erzählt werden können.

“Hinter den Kulissen” – ausgewählte Beiträge Monatsspielpläne Spielzeit 2012 / 2013

Die renommierten Bühnenbildner Andreas Auerbach und Paul Zoller sind seit vielen Jahren Garanten für Mario Schröders intensive Inszenierungen. Ihre Kostüm- und Bühnenentwürfe für “Morrison”, die “Mörderballaden” und jüngst die “Weihnachtsgeschichte” setzen Zeichen und mitunter Maßstäbe. Wie eine Zusammenarbeit zwischen Choreografie und Bühnenbild in den Vorbereitungen einer neuen Produktion aussieht und wie entscheidend dabei die langjährige Freundschaft zwischen den dreien ist – darüber berichten Paul Zoller, Andreas Auerbach und Mario Schröder in einem Gespräch, das wir für die Facebook Fanpage des Leipziger Balletts geführt haben.

Mit 38-köpfigem Ensemble reist das Leipziger Ballett im Februar nach Spanien – aber das allein macht nicht die umfangreiche Logistik und Vorbereitung der “Großen Messe” aus. 12 Techniker begleiten die Company 3 Wochen lang. Licht, Ton, Kostüme, Bühnenbild, alles muss mit dem LKW 2.300 Kilometer weit nach Madrid gefahren werden. Tänzer und Ballettmeister fliegen gemeinsam von Berlin – allzu viel privates Gepäck muss dabei nicht mitgeführt werden: die Trainingskleidung kann an den Theatern von Madrid, Valladolid, Pamplona und Bilbao in die Waschmaschine gesteckt werden.

Drei Premieren, das Erbe Uwe Scholz’, “Intershop” und “Tanz in den Häusern der Stadt” – das Leipziger Ballett schnürt das Programm für die Spielzeit 2013 / 2014. Große Neuproduktionen werden neben Repertoirestücken und Veranstaltungen im Leipziger Stadtraum stehen. Die Company konzentriert sich dabei auf ihren künstlerischen Kern – und sucht die Vernetzung mit den innovativen Institutionen und den Protagonisten aus Kunst, Theater, Performance und Subkultur. Einmal in Leipzig angekommen, ist die Zusammenführung mit anderen künstlerischen Ausdrucksformen und Genres ein folgerichtiger Feinschliff von Mario Schröders Handschrift. Und ein Weg, auf dem wir die Fans des Leipziger Balletts in der kommenden Spielzeit gerne mitnehmen möchten.

Wer unser Training und unsere Proben im Ballettsaal erlebt, erkennt klare Parallelen zum Leistungssport. Dennoch geht es in einer Ballettcompany anders zu als in einer Fußballmannschaft: Denn wer einen durchgeschwitzten Mittelfeldspieler nach dem Abpfiff um eine Spielanalyse bittet, wird im besten Fall Phrasen zu hören bekommen, im schlechtesten Fall irgendetwas Verkorkstes mit “Vom Feeling her hatte ich ein gutes Gefühl”. Wir versprechen an dieser Stelle: Tänzer des Leipziger Balletts sind bei einer Opernplauderei nicht nur höchst angenehme und umgängliche Künstler ohne Berührungsängste – sie erzählen auch stichhaltig, leidenschaftlich und eindringlich von ihrer täglichen Probenarbeit, von dem “Es muss immer weitergehen” und von der Glut, die in ihnen lodert vor jeder Aufführung auf der Bühne der Oper Leipzig.

Pressemitteilung zum Abschluss der Spanien-Tournee des Leipziger Balletts im Februar 2013

Das Leipziger Ballett begeistert Spanien mit Uwe Scholz’ Choreografie “Die Grosse Messe”. Drei Wochen lang war die Company von Ballettdirektor und Chefchoreograf Mario Schröder auf Gastspiel in Madrid, Bilbao, Pamplona und Valladolid. Zur Rückkehr an das Leipziger Opernhaus zeigt das Leipziger Ballett am Freitag den 1. März Meryl Tankards Ballettstück “Cinderella”.

Uwe Scholz’ Ballett “Die Grosse Messe”, uraufgeführt 1998, mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, Arvo Pärt und György Kurtàg hatte der spanische Tour-Agent Enrique Muknik auf dem Wunschzettel, als er das 40-köpfige Ensemble des Leipziger Balletts im vorigen Jahr zu einer dreiwöchige Gastspielreise nach Spanien einlud. Aufführungsorte im Februar 2013 waren die großen Theaterhäuser und Konzerthallen von Madrid (Teatros del Canal, 1.300 Plätze, 8., 9., 10. Februar), Bilbao (Teatro Arriaga Antzokia, 800 Plätze, 15., 16. Februar), Pamplona (Auditorio Baluarte, 1.500 Plätze, 19. Februar) und Valladolid (Teatro Calderon, 1.000 Plätze, 22., 23., 24. Februar). Über 10.000 Zuschauer kamen zu den 9 Vorstellungen und der öffentlichen Generalprobe in Madrid, wo das Leipziger Ballett musikalisch unterstützt wurde vom Joven Orquesta y Coro de la Comunidad de Madrid (JORCAM), unter der Leitung des Dirigenten Andreas Schüller.

Mario Schröder zeigte sich nach jeder der Vorstellungen beeindruckt von der Fachkenntnis und Begeisterungsfähigkeit des spanischen Publikums: “Mozarts Messe in c-Moll ist ein grossartiges Werk der Musikgeschichte, das mit seiner Wucht und mit seiner würdevollen Eleganz jeden in den Bann zu ziehen vermag. Dass unsere Arbeit gerade hier in Spanien so viel Wertschätzung erfährt, hat uns alle sehr berührt. Uwe Scholz und das Leipziger Ballett sind jedem Tanzinteressiertem in Madrid, Bilbao, Pamplona und Valladolid ein Begriff. Bei Tourneen bekommen wir immer wieder gespiegelt, dass die Qualität und das Renommee der Oper Leipzig, des Leipziger Balletts und des Gewandhausorchesters weit über Leipzig und Deutschland hinausreicht.”

Vier Tage nach seiner Rückkehr begrüsst das Leipziger Ballett sein heimisches Publikum am Freitag den 1. März mit der Wiederaufnahme von Meryl Tankards Ballettabend “Cinderella”. Im Anschluss an die Vorstellung veranstaltet die Company auf der Terrasse des Operncafés ein “Welcome Home Barbecue” – passend zum meteorologischen Frühlingsanfang.

Facebok Beitrag Spanien-Tournee 21.02.2013

Wenn alles zusammenpasst, sind Konzerte, Opernaufführungen oder Ballettabende in der Lage, einen ganz besonderen Moment zu erzeugen. Unsere Vorstellung im Auditorio Baluarte in Pamplona war so ein Augenblick von geradezu berückender Schönheit, in dem die Company, die Bühne und die über 1.300 Zuschauer zu einem gemeinsamen Körper verschmolzen. Das lag an der Architektur des Zuschauerraumes, der alles Licht schluckte und Michael Rögers fein nuancierten Lichtstimmungen auf der Bühne unterstützte. Das lag an der Wucht von Arvo Pärts “Credo” und der Präzision der Formationen. Selbst in den hintersten Reihen des riesigen Parketts war zu spüren, dass Uwe Scholz’ Choreografie wie eine Notation von Mozarts Messe funktioniert. Dass Mohamed, Tyler, Yoojin und Isis bei “Benedictus” die Sopran- und Baritonstimmen nicht nur in Tanz umsetzen, sondern dass die beiden Tänzerpaare diese Stimmen sind. Dass “Die Grosse Messe” eine sakrales Werk ist, das (wenn der Aufführungsort und die Qualität des Ensembles wie in Pamplona ideal sind) Gänsehaut erzeugt und einen aus dem Zuschauerraum des Baluarte entlässt mit einer regelrecht würdevollen Stimmung. Dis Zuschauer waren so ergriffen, dass der Applaus wie eine Befreiung und Rückkehr in die normale Umgebung für sie wirkte. Die Company stand noch eine halbe Stunde später staunend auf der Hinterbühne. Wir wussten gar nicht so recht, wie die Wucht dieser Aufführung sich zusammen setzte. Aber dass da etwas passiert war, was unseren Beruf definiert und belohnt, das war zu spüren.

Facebook Beitrag Spanien Tournee 23.02.2013

Unsere erste Vorstellung im Teatro Calderon endete ein wenig wie eine Dekonstruktivismus-Fluxus-Performance-Theater-Aufführung in den 60er Jahren. Das Schlussbild der “Grossen Messe” funktioniert üblicherweise seit 70 Vorstellungen so: Die Tänzer legen ihr Kostüm ab, tragen Alltagskleidung, schminken sich ab und setzen sich locker gruppiert auf den Bühnenboden, von dem die Techniker zuvor den Tanzboden aufgerollt haben. Dann folgt Mozarts “Kyrie”, viereinhalb Minuten lang, dazu bewegungslose Tänzer, die in den Zuschauerraum blicken. Vorhang. Applaus. Verbeugung.

In Valladolid interpretierten unsere Zuschauer das irgendwie anders: Als alle Tänzer sich abgeschminkt hatten und sassen, empfanden unsere Gäste das als Schluss, begannen sie zu applaudieren, die Saaltüren wurden geöffnet, der eine und andere erhob sich und zog bereits die Jacke an. Allgemeine Unschlüssigkeit darüber, dass die Musik noch lief und die Tänzer sich nicht erhoben und stoisch das in Auflösung begriffene applaudierende Publikum anstarrten. Das ging konsequenterweise viereinhalb Minuten lang so. Mozart faded man nicht einfach aus. Alle, die auf dem Bühnenboden sassen, dachten sich: Fein, sollen die mal vier Minuten lang weiter klatschen, wir ziehen das so durch und rühren uns nicht von der Stelle. Hat auch funktioniert, aber vermutlich denkt jetzt halb Valladolid, diese Deutschen haben eine merkwürdige Art, sich ihren Applaus abzuholen.

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