Clownfish Kunst Cluster Wuppertal

Zwei Jahre bevor die Region die Kulturhauptstadt 2010 stellt, rüstet sich eine Industriebrache zum Hot Spot der Kreativwirtschaft: In Wuppertal, einer dieser gern belächelten, dabei aber malerisch gelegenen Städte, steht ein aufgegebenes Fabrikensemble der Firma Elba. Elba stellt seit Jahrzehnten Aktenordner her, nicht ganz so erfolgreich wie Leitz, dafür aber wesentlich günstiger. Die Produktion ist mittlerweile an den Stadtrand verlagert, Fabrikhallen und Bürogebäude an der Wupper machen jetzt das durch, was malerischen Industriebrachen in urbanen Räumen gern angedacht wird: man nutzt sie für Kultur. In der Elba Fabrik fand am letzten Augustwochenende 2008 das Clownfish Kunst Cluster statt, gut 200 Künstler auf 1500 qm, Ausstellungen, Performances, Gesprächsrunden und ein grosses Clubbing des Kölner Radiosenders 1Live. Alles, was es an Kritik zu äussern gäbe zu plakativen Betitelungen (Cluster) und wenig präziser Themenwahl (Design, Architektur, bildende und darstellende Kunst wurden in eine grosse Waschtrommel gesteckt) prallt ab an der charmanten Tatsache, dass die dreitägige Veranstaltung eigeninitiativ von gerade einer Handvoll junger Designer und Kommunikationswissenschaftler geschmissen wurde.

Der Essener Designer Hans Dirk Schellnack wurde gebeten, aus seinem Umkreis eine Diskussionsrunde zu rekrutieren, die einen Abend lang Schnittstellen zwischen Kunst, Design und Architektur klärt – Gewerke, die gerne unter dem Begriff Creative Industries zusammen gefasst werden, in der Praxis aber selten Austausch betreiben.

Die Runde wurde dann Kunst Cluster Symposium betitelt, unglücklicherweise von der Stadt Wuppertal weder finanziell unterstützt noch beworben und mitten in den Aufbau der 1Live Riggs und Tonpulte gelegt. Im Angesicht dieses etwas konfusen Settings bewaffneten sich Referenten und Zuhörer lieber gleich mit den bereit gestellten Bieren und tasteten sich in eine kaum strukturierte, dabei umso lebendigere Diskussion.

Martin Woodtli (Zürich) und Chris Rehberger (Berlin) vertraten gemeinsam mit dem Moderator den Bereich visuelle Gestaltung, Björn Syffus (Düsseldorf) die Architektur, Olaf Bargheer (Hamburg) und Reinhard Wiesemann (Essen) Randbereiche der Kunst – beide verstehen sich eher als Kulturunternehmer und umschifften sicherheitshalber jede harte Definition von Kunst. Rehberger, obwohl mit mehr als einem Bein in der bildenden Kunst, hielt sich ebenfalls lieber an designorientierte Themen. Bei Verweisen auf seinen Bruder Tobias blickte er unbeteiligt hinüber zur 1Live Lichttechnik, die im Laufe der zweistündigen Gesprächsrunde Gestalt annahm.

Der Wiener Markus Hanzer schliesslich, seit 30 Jahren im Geschäft und mit allen Wassern des Motion-Design seit den Anfängen des Privatfernsehens gewaschen, bekam ein wenig den Part einer grauen Eminenz. Er sprach selten, aber mit Tragweite, schwarzer Anzug und Wiener Dialekt unterstützten seine Position der ruhigen Hand.

Die 7 kennen ihr Geschäft und empfanden wohl beides: zum einen das wohltuende Gefühl, Einvernehmen zu erzielen über die ähnlichen Fragestellungen und Provisorien in ihren unterschiedlichen kreativwirtschaflichen Branchen; zum anderen, dass der Impuls, disziplinenübergreifend zu agieren, nicht von ihnen selber ausgeht, sondern von einer unklaren Gemengelage aus Neoliberalismus, Stadtmarketing und Richard Florida.

Die Creative Industries sind ein Gebilde, das sich nicht von innen heraus konstituiert. Der verheissungsvoll klingende Begriff wird als Label verwendet. Es klebt an den Türen von Architektenbüros und Redaktionen, auf den Cases der 1Live Roadies und den Galerieräumen, mit denen Reinhard Wiesemann in Essen und Olaf Bargheer in Hamburg zusammen arbeiten.

Veranstaltungen wie das Clownfish Symposium oder der vor einiger Zeit vom Hamburger Kunstverein und Kampnagel veranstaltete Künstlerworkshop nehmen in diesem Spannungsfeld eine vollends ambivalente Rolle ein: sie tragen das Label an die teilnehmenden Künstler und Designer weiter – und müssen es sich zunächst selber quer über den Veranstaltungstitel stickern.

Man weiss kaum mehr, wie man in diesem Feld unabhängig operieren kann. Jeder produktive Schritt befeuert die Maschinerie weiter. Man ahnt sofort, dass man Instrumentalisierung, Marketing und Hype Vorschub leistet. Welche authentischen Veranstaltungs- titel und -formate stehen noch zur Verfügung? Lässt sich noch von eigenständigen Erfahrungen berichten, ohne ein Abziehbild des Freelancers zu zeichnen?

Zum Schluss hin wurden Empfehlungen ausgesprochen. Ja, es gibt schon zu viele Master-Kulturmanagement-Studenten an den Unis von Lüneburg und Bochum. Der Konkurrenzdruck nimmt zu. Ja, es ist mit grossem Improvisationsvermögen verbunden, in der Kreativwirtschaft seine Nische zu suchen und zu nutzen. Wohlhabend ist keiner der 7 geworden (am ehesten noch der Architekt Björn Syffus und der Platzhirsch Markus Hanzer). Man bleibt gewissermassen Berufsjugendlicher.

Aber: Es würde niemand etwas anderes machen wollen. Und das hat nichts mit der vermeintlichen Freiheit zu tun, keine geregelten Büroarbeitszeiten einhalten zu müssen. Es ist unbedingte Leidenschaft und ein Instinkt für kreative Qualität, der Martin Woodtli, Björn Syffus und die anderen an ihre Arbeitweise glauben lässt – und die Clownfish Crew trotz finanzieller Verluste ein charmantes dreitägiges Festival auf die Beine stellen lässt. Die Anerkennung von institutioneller Seite wird sicher rückwirkend kommen. Spätestens, wenn die Region das Programm für die Kulturhauptstadt Europas 2010 schnürt.

07.09.2008
von scoop think tank

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