Konzeption »Tanz in den Häusern der Stadt«

»Tanz in den Häusern der Stadt #7« am 15.03.2014 im Deutschen Musikarchiv der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig. Der siebte Teil der Projektreihe »Tanz in den Häusern der Stadt« führt das Leipziger Ballett durch einen Parcours aus einhundert Jahren Medien, Musikgeschichte und Tonträgertechnologien.

(Key Visual Collage von Ida Zenna www.ida.zenna.de)

Kaum vier Jahre alt und bislang wenig bekannt sind die Räume des Musikarchivs der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. Das Archiv ist das musikalische Langzeitgedächtnis Deutschlands und dokumentiert die komplette deutsche Musik- und Notenproduktion seit dem Jahr 1913. Der 2010 eingeweihte Neubau ist ein architektonischer und kulturgeschichtlicher Leuchtturm für die Messestadt. Welche Schätze in den Archiven lagern und wie produktiv sich diese in einer Performance einsetzen lassen, das will die Company des Leipziger Balletts im »Tanz in den Häusern der Stadt« erlebbar machen.

Wie bewegen wir uns in öffentlichen und intimen akustischen Räumen? Musik, Klänge und Soundkulissen prägen das tägliche Leben. Sie schaffen Atmosphären, bieten Orientierung, liefern Information. Auf einem Parcours durch die Räume Musikarchivs tauchen die Tänzer und Tänzerinnen in Klangwelten ein: Ein wie von Geisterhand spielender historischer Konzertflügel, ein mit moderner Technologie ausgerüstetes Hörstudio, Grammophone, Tonbandgeräte und Kassettenrekorder – in diesen Kulissen und Requisiten zeigt die Inszenierung Beziehungen zu Hörwelten auf und behandelt die Auswirkungen des technischen Wandels akustischer Aufzeichnungstechnologien.

Die Projektreihe »Tanz in den Häusern der Stadt« des Leipziger Balletts führt die Company seit der Spielzeit 2010 / 2011 in architektonisch und geschichtlich spannende Räume im Leipziger Stadtraum. Tanz trifft dort auf Architektur, Choreografie nimmt Bezug auf die räumlichen, baugeschichtlichen und nutzungsspezifischen Eigenheiten der Partnerspielstätten. Seit der Spielzeit 2013 / 2014 wurde die Reihe ausgeweitet: Für jeden Projektraum sucht sich das Team um den Chefchoreografen Mario Schröder einen “featured Artist” aus dem Bereich bildende Kunst, der die Choreografie gleichberechtigt um installative oder multimediale Ausdrucksformen erweitert. Architektur, mediale Installation und das Live-Moment des Tanzes bilden so eine Dreiteiligkeit, die den »Tanz in den Häusern der Stadt« trotz des gewollten und bewusst offen gelassenen improvisatorischen Momentes zu einem intensiven, spartenübergreifenden Abend machen.

Programmheftbeitrag der Deutschen Nationalbibliothek

Großstadtgemurmel, Polizeisirenen, Vogelgesangklänge und Töne prägen unser Leben mehr, als wir häufig noch bewusst wahrnehmen. Haben Sie einmal genau hingehört, wenn im Großen Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek Nutzerinnen und Nutzer konzentriert arbeiten? Es klingt, als ob ein feiner Regen fällt, wenn Dutzende Menschen auf ihren Laptop-Tastaturen schweigend tippen.

Dass die Deutsche Nationalbibliothek der zentrale deutsche Sammlungsort nicht nur von Texten, sondern auch von Ton und Musik ist, ist bisher weniger bekannt. Bibliotheken sind Orte gelebter Öffentlichkeit. Es ist daher in doppelter Hinsicht passend, wenn das Leipziger Ballett hier seine Inszenierung Architekton präsentiert und zur Diskussion stellt.

Bald 30 Millionen Medieneinheiten, darunter 2 Millionen Musiktonträger und Notenwerke, bewahrt die Deutsche Nationalbibliothek. Die Geister dieser Werke wollen immer wieder wachgeschlagen sein. Gleich, ob Medienwerke digital auf den Bildschirm geladen oder aus den Magazinregalen herbeigeschafft werden: Stets müssen sie von Neuem an das Tageslicht geholt werden, um sie zu lesen, zu hören oder zu betrachten. Nur so bleiben sie ein aktiver Teil des kulturellen Gedächtnisses. Unsere Performance ist ein Beispiel für diesen Arbeitsprozess, unter Hinzuziehung von historischen und modernen Musikabspielgeräten der Deutschen Nationalbibliothek. Lassen Sie den Parcours als einen akustischen Dialog auf sich wirken, der von den Tänzerinnen und Tänzern in Bewegungen übersetzt wird, deren Teil auch wir sind.

Musiktitel | Tonbeispiele | Tonträger | Abspielgeräte

Die Besucher haben am Aufführungsabend Zugriff auf das gesamte digitale Archiv der Deutschen Nationalbibliothek und können sich für die Performance individuelle Playlists aus mehreren Millionen Musiktiteln zusammenstellen. Daneben werden die Tänzer des Leipziger Ballett eine Reihe antiquarischer Aufnahmen auf Schellackplatten, Vinyl-LPs, Lochplatten, Papierrollen, Tonbändern und Kassetten einsetzen:

Die Rede des deutschen Außenministers Gustav Stresemann zur Eröffnung der Photokina 1925. Generalfeldmarschall Paul von Hindenburgs Dank an die deutschen Truppen nach dem Sieg bei der Schlacht von Tannenberg 1914. Die Ansprache Papst Pius XII an die katholische Jugend 1937. Bertold Brechts Verteidigung vor dem Ausschuss für unamerikanische Tätigkeit 1947. Die Rede des Grafen Zeppelin nach dem Absturz seines Luftschiffes 1908. Ingeborg Bachmanns Hörspiel »Der gute Gott von Manhattan« von 1958. Schellackplatten aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit Johann Sebastian Bachs »Matthäuspassion« und Richard Wagners »Tristan und Isolde«. Papierrollen für den automatischen Edison-Flügel mit Sergej Prokofiews »Preludes« und George Gershwins »Rhapsodie in Blue«, 1925 vom Komponisten selber vierhändig eingespielt. Ein Schrankgrammophon. Ein Edison-Flügel. Lochplattenspieler. Phonographen. Ein Kindergrammophon und ein Koffergrammophon.

30.01.2014
von scoop think tank

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