We’ll create wow! moments

Reportage über die Batsheva Dance Company Tel Aviv und den israelischen Choreografen Ohad Naharin, der im Mai 2014 mit der Company des Leipziger Balletts sein Stück »Decadance« auf die Bühne der Oper Leipzig bringen wird. Ein Dossier von Olaf Bargheer für das »Dreiklang« Magazin und das Programmheft der Oper Leipzig.

2014 hat das Leipziger Ballett einen international anerkannten Gastchoreografen eingeladen: Im Sommer wird Ohad Naharin nach Leipzig kommen und mit Mario Schröders Company »Decadance« entwickeln. Einen intensiven und herausfordernden Ballettabend, der Tänzern und Zuschauern eine vollkommen neue Bewegungssprache nahebringen wird. Was ist dieser Ohad Naharin für ein Mann, von dem die New York Times schreibt, er sei »one of the most important choreographers in the world«, den das Dance Magazine als »today’s most widely worshiped guru of modern dance« bezeichnet?

Naharin, 1952 in einem israelischen Kibbutz geboren, studierte bei Martha Graham an der American Dance School in New York und führt seit 25 Jahren die Batsheva Dance Company in Tel Aviv. Der international arbeitende Globetrotter steht wie kein anderer für einen Bewegungsduktus, der die Tanzszene Israels ausmacht. Mit Basheva hat Naharin weltweite Erfolge gefeiert und eine unverwechselbare, ästhetisch revolutionäre choreographische Handschrift ausgeformt.

»Choreographing is having the privilege to be clear and articulate without the need to explain«

Dennoch begegnet Naharin jedem neuen Projekt mit Neugierde und einem geradezu jugendlichen Sinn für Abenteuer – Abenteuerreisen, zu denen er gemeinsam mit innovativen Musikern und zeitgenössischen Künstlern aufbricht und die ohne Berührungsängste Dean Martin und Marusha zusammenbringen, Vivaldi und Klezmer, Brian Eno und Tangomusik. Naharin macht in der Arbeit mit den Tänzern keinen Unterschied zwischen Bühne oder Straße, zwischen Modern oder Klassisch, zwischen Hip Hop oder Ballett. Er möchte diese Begriffe aufheben, wirft bei der Entwicklung eines neuen Stückes unterschiedlichste Formen, Ästhetiken und Themen in eine »Black Box« und lässt daraus Tanz entstehen.

»A happy moment is a moment of discovery«

»Ein glücklicher Moment ist immer ein Moment, in dem man etwas entdeckt« hat er in einem Interview mit seinem Freund, dem Filmemacher Tomer Heymann einmal erzählt. Heymann hat in diesem Jahr einen Dokumentarfilm über Naharin fertiggestellt, der mit Crowdfunding finanziert wurde und auf YouTube von vielen Weggefährten beworben wurde. Die Schauspielerin Natalie Portman erinnert sich im Making of an den Rat, den ihr Naharin vor Drehbeginn ihres Films »Black Swan« am Telefon gab: »Always keep remembering to find the pleasure in the pain«.

Man kann ihn sich gut vorstellen bei diesem nächtlichen Telefonat zwischen Tel Aviv und Los Angeles, diesen markanten Mann, der in diesem Jahr 62 wird und immer noch aussieht wie Mitte 40, der pointierte Sätze spricht mit einer einnehmenden Stimme und dabei seine kräftigen Hände in sehr feinen Bewegungen führt. Ein Macher, von dem eine quecksilbrige Nervosität ausgeht, der seiner Branche bisweilen meilenweit voraus ist. Seine zweite Ehefrau ist Tänzerin in der Batsheva Dance Company und 30 Jahre jünger als er. Er schlafe besser, wenn er an einer Choreografie arbeite, sagt er, es macht, dass er sich sexy fühlt.

»It’s about making the body listen«

Menschen und Tänzer könnten unglaubliche Dinge mit ihrem Körper anstellen, aber sie müssten zuerst in ihn hinein hören. Auf seinen Körper zu hören habe ihm immer sinnvoller erschienen als diesem vorzuschreiben, was er zu tun habe, schreibt Naharin in einem Essay für das Dance Magazine. Die tänzerische Qualität weniger aus der reinen Körperbeherrschung heraus zu erarbeiten denn aus der individuellen Bewegungserfahrung, diese Sichtweise gibt er seinen Tänzern weiter – und hat dafür die Spiegel im Ballettsaal zuhängen lassen und eine eigene Trainingsmethode entwickelt: Gaga.

»Nimm diese Idee und lass deinen Körper daraus die Bewegung machen, die aus ihm herauskommt.« Um die Individualität der Bewegung geht es bei Gaga. Um die Durchlässigkeit für Empfindungen, das Bewusstsein der Verletzlichkeit. Und um Freude. Die wird erlebbar in der Explosivität und ungeheuren Kraft von Ohad Naharins Choreografien, die mit der Spannung zwischen Dehnung und Ausbruch von körperlicher Energie arbeiten.

»We have to find a connection to our sensuality«

»Wenn wir Gaga trainieren, sind wir sind uns der Zusammengehörigkeit von Anstrengung und Glücksgefühl bewusst. Wir sind uns der Distanz zwischen einzelnen Körperteilen bewusst. Wir spüren das Gewicht unserer Körperteile, ahnen aber, dass sie nicht der Schwerkraft unterliegen müssen. Wir wissen um die Anspannung, die uns hemmt. Wir wissen, wir müssen loslassen um wirkliche Bewegung und wirkliches Leben zu spüren. Wir drehen die Lautstärke höher um in unseren Körper hinein zu hören. Wir wissen kleine Gesten zu schätzen, wir trauen uns albern zu sein, über uns selbst zu lachen. Wir lassen uns viel Zeit, gerade wenn wir uns schnell bewegen. Wir lernen unseren Schweiß zu lieben, unsere Leidenschaft zu entdecken, unsere Vorstellungskraft und das Tier, das versteckt in uns schlummert. Wir werden feinsinnig, wir fühlen einen Groove, geraten in einen Flow, bei dem wir gleichzeitig ruhig und wachsam sind, bereit für die nächste Explosion. Wir sind gemeinsam mit vielen im Raum und wissen: Wir müssen nicht das Zentrum sein. Wir sind verbunden mit einem Gespür für die Unendlichkeit der Möglichkeiten.«

Olaf Bargheer Editorial für das Programmheft

Als wir über die Inhalte dieses Programheftes berieten, schickte Ohad Naharin uns eine E-Mail aus Tel Aviv: »Dear Olaf. I have chosen not to write specifics about Decadance since it is part of a program people read just before they see the show. Best. Ohad.« Wir fanden das einleuchtend: Warum szenische Beschreibungen in ein Programmheft nehmen, das man liest, bevor die Vorstellung startet. Beschreibend über eine Choreografie zu schreiben verstellt bloß die Sichtweise. Interessanter erschien uns, herauszuarbeiten, aus welchem Erfahrungsschatz, aus welchem Selbstverständnis heraus Ohad Naharins sehr spezielle Art der Choreografie entspringt. Die Betrachtungen dieses Programmheftes finden Ergänzung durch eine Reportage über die Batsheva Dance Company, ihren Direktor Ohad Naharin und seine Gaga Trainingsmethode, erschienen im April 2014 in der siebten Ausgabe des »Dreiklang« Magazins der Oper Leipzig.

Ohad Naharin – Notationen zur bevorstehenden Premiere

Tel Aviv. Erster Mai. Zwei Wochen bis zur Leipziger Premiere von »Decadance«. Mario Schröders Tänzer arbeiten fieberhaft mit meinen Assistenten Rachael Osborne und Erez Zohar im Ballettsaal. Ich sitze unterdessen in meinem Arbeitszimmer in Tel Aviv, mein Flugticket auf dem Schreibtisch, und warte darauf, für die Hauptprobenwoche zur Company zu stoßen. Ich freue mich auf die Begegnung mit den Leipziger Tänzern, darauf, Zeit mit ihnen zu verbringen. Noch kenne ich keinen von ihnen. Ich kenne auch Leipzig und sein Opernhaus nicht, kenne nicht die Größe und die Anmutung des Ballettstudios, der Bühne, des Zuschauersaals. Dennoch teilen wir bereits jetzt etwas ungemein Großes: die gemeinsame Liebe zum Tanz. Die Reflektion darüber. Die Sichtweisen, Ideen, Entdeckungen und Überraschungen.

Die Tänzer müssen eine Menge neuer Schritte lernen für »Decadance«. Dennoch sind nicht die Schritte das Entscheidende. Das Entscheidende ist: Auf den Körper zu hören bevor man ihm sagt, was er tun soll. Wir brauchen dafür keine Spiegel im Ballettsaal. Um eine neue Sichtweise auf den Raum zu bekommen, müssen wir lernen, eine enge Verbindung mit den Möglichkeiten unseres Körpers einzugehen anstatt ihn im Spiegel abzugleichen. Ich habe noch mit keinem von ihnen gesprochen und weiß dennoch bereits hier in Tel Aviv ganz genau, dass wir in dieser Sache übereinstimmen: um ein Gespür für unsere explosive Kraft zu entwickeln, müssen wir zunächst ein Gespür für unsere Zartheit zulassen, müssen durchlässig werden, feinfühlig und verständnisvoll.

Wir müssen realisieren, dass es im Tanz um die kleinen Gesten geht. Dass es um Leichtigkeit geht, darum, über uns selber schmunzeln zu können. Als Tänzer müssen wir unsere Fähigkeiten mit Leidenschaft und Imaginationskraft kombinieren. Müssen eine Balance aus Überdrehtheit und Understatement finden. Schwächen zulassen. Bei aller Anstrengung die Freude nicht verlieren. Neue Verhaltensweisen annehmen und alte ablegen. Den Blick offen halten für bessere Methoden. Zufrieden damit sein, alte, nicht länger angebrachte Methoden ad acta zu legen. Die Tänzer des Leipziger Balletts und ich sind uns bewusst – obwohl wir uns kommende Woche erst kennenlernen – dass wir alle weit davon entfernt sind, perfekt zu sein – aber dennoch in der Lage sind, gemeinsam etwas ganz großartiges auf die Bühne zu bringen.

Tyler GalsterTänzer / USA

»Ohad Naharin’s style of movement is very unique, something very different to traditional ballet. There is less focus on lines and stretching feet and more on the quality of the movement. It is about feeling the space and being aware of how your body is moving through space.

Learning Ohad Naharin’s work a dancer must have an open mind and be completely comfortable in moving in different ways. Self confidence is very important for his work and I believe this is why all rehearsal and gaga trainings are done with no mirrors. This way a dancer can focus on how the movement feels and less on how it looks. The ballet masters from Batsheva are always telling us: Make your self available. To me this means connecting your body and mind. Being aware of your body makes it possible to move in any way, at any moment.

Rehearsing Ohad Naharin’s work and also gaga training has definitely changed the way I move and the way my body feels. I feel it has given me a more relaxed sensation in my movement, softer muscles and more fluid joints. What I have learned from this process I will bring with me in other ballets I dance.«

Robert PhillipsTänzer / Großbritannien

»Die Bewegung, die Kraft kommt in Ohad Naharins Choreografie immer aus der Mitte, aus dem Zentrum des Körpers. Die Gelenke, die Arme und die Beine folgen eher ihren natürlichen Bewegungen. Spannung und Explosivität kommen aus der Konzentration, der Geschwindigkeit und dem Moment der Überraschung. Wenn ich eine direkte, unmittelbare Beziehung zur Choreografie habe, spüre ich mehr, investiere ich automatisch mehr. Das kann ausgelöst sein von der Musik, vom Bewegungsvokabular, von Sinnlichkeit, Präzision oder von der Herausforderung, an meine physischen Grenzen zu gehen.«

Bjarte Emil Wedervang BrulandTänzer / Norwegen

»Ohad Naharin’s style is a very physical style. A challenging physical style. Everything is available. Be open for everything. That is the mantra of gaga training: Use every opportunities that you have. His choreographies don’t produce given, pre-defined pictures. They are open in a way that the result is achieved by the collaboration of individual dancers. We are in a way connecting and floating together. This has to a certain extend already been achieved during the rehearsals. Some other parts are for sure still under construction, ten days before the premiere.«

Ohad Naharin über seine Trainingsmethode Gaga

»Wenn wir Gaga trainieren, sind wir sind uns der Zusammengehörigkeit von Anstrengung und Glücksgefühl bewusst. Wir sind uns der Distanz zwischen einzelnen Körperteilen bewusst. Wir spüren das Gewicht unserer Körperteile, ahnen aber, dass sie nicht der Schwerkraft unterliegen müssen. Wir wissen um die Anspannung, die uns hemmt. Wir wissen, wir müssen loslassen um wirkliche Bewegung und wirkliches Leben zu spüren. Wir drehen die Lautstärke höher um in unseren Körper hinein zu hören. Wir wissen kleine Gesten zu schätzen, wir trauen uns albern zu sein, über uns selbst zu lachen. Wir lassen uns viel Zeit, gerade wenn wir uns schnell bewegen. Wir lernen unseren Schweiß zu lieben, unsere Leidenschaft zu entdecken, unsere Vorstellungskraft und das Tier, das versteckt in uns schlummert. Wir werden feinsinnig, wir fühlen einen Groove, geraten in einen Flow, bei dem wir gleichzeitig ruhig und wachsam sind, bereit für die nächste Explosion. Wir sind gemeinsam mit vielen im Raum und wissen: Wir müssen nicht das Zentrum sein. Wir sind verbunden mit einem Gespür für die Unendlichkeit der Möglichkeiten.«

»We are aware of the connection between effort and pleasure. We sense the weight of our body parts, yet, our form is not shaped by gravity. We are aware of where we hold unnecessary tension, we let go only to bring life and efficient movement to where we let go. We are turning on the volume of listening to our body, we appreciate small gestures, we are measuring and playing with the texture of our flesh and skin, we might be silly, we can laugh at ourselves. We learn to appreciate understatement and exaggeration. We become more delicate and we recognize the importance of the flow of energy and information through our body in all directions. We are aware of people in the room and we realize that we are not in the center of it all. We become more aware of our form since we never look at ourselves in a mirror. We connect to the sense of the endlessness of possibilities. We explore multi-dimensional movement, we enjoy the burning sensation in our muscles, we are aware of our explosive power and sometimes we use it. We change our movement habits by finding new ones, we can be calm and alert at once. We become available …«

Mario Schröder studiert seinen »Chaplin« an der Staatsoper Hannover ein, im Frühjahr 2014. Er castet Sänger und Schauspieler für die »West Side Story«. Bereitet Bauproben für »Rachmaninow« und »Othello« vor und plant die Spielzeit 2015/2016. Ein Gespräch darüber, wie es sich anfühlt, Ohad Naharin den Ballettsaal und die Company zu überlassen und selber am Schreibtisch zu sitzen während nebenan geprobt wird.

> Wie fühlt sich das an für einen Chefchoreografen?
< Ich spüre, dass sich für die Company und mich selber eine gewisse Balance einstellt. Für die Tänzer ist es ganz wichtig, mit unterschiedlichen Künstlern zusammen zu arbeiten, zumal der Tanz so viele Möglichkeiten, so viele Farben anzubieten hat. Je mehr ein Ensemble davon aufnimmt, desto besser. Ich merke, dass wir dabei sind, erneut einen Schritt nach vorne zu machen, uns weiter zu entwickeln, einen neuen Raum für das Leipziger Ballett zu öffnen.

> Ist ein bisschen so, als überließest du deine Kinder für eine Weile einem anderen.
< Ja, natürlich schaut man ob die Arbeit gut läuft und wie sich die Tänzer verhalten. Ob sie die Probenarbeit gut aufnehmen, mit dem Material umgehen können, Spaß daran haben, eine positive Energie entwickeln und das Stück zu ihrem eigenen zu machen. Die Entscheidung für einen Gastchoreografen ist auf beiden Seiten ein großer Vertrauensvorschuss. Die Hoffnung ist, dass sich die Qualität der Geschichten des Gastchoreografen auf die Company überträgt.

> Ist das Engagement von Ohad Naharin ein Coup für Leipzig und für die Leipziger Company?
< Mit der Einladung ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe begründet worden. Hier der international für seine Choreografien gefeierte Globetrotter und Companydirektor, dort das in den vergangenen Jahren technisch und charak- terlich gereifte Ensemble des Leipziger Balletts. Beide bringen ihre eigenen Geschichten mit, haben viel zu erzählen. Die Entscheidung, Ohad Naharin hierher nach Leipzig zu holen war mit einer klaren Absicht verbunden.

> Was führte zu der Entscheidung für Ohad Naharin, bei der Planung deiner vierten Spielzeit an der Oper Leipzig?
< Die Idee war, einen hervorragenden Choreografen zu präsentieren, der eine ganz eigenständige Sprache entwickelt hat und in dieser Sprache ganz authentisch ist. Ohad Naharin repräsentiert wie kaum ein anderer die Kultur und die tänzerische Ästhetik Israels. Er ist in Leipzig bisher wenig bekannt, hat hier nie mit seiner Company gastiert. Wäre toll, wenn er jetzt gemeinsam mit dem Leipziger Ballett unser Publikum so begeistert, wie die Batsheva Dance Company mich mit seinen Arbeiten vor zwanzig Jahren begeistert hat.

> Wie kam es zu deiner ersten Begegnung mit Ohad Naharin und der Batsheva Dance Company?
< Mein erstes Erlebnis mit Batsheva hatte ich, da war ich ganz frisch als junger Tänzer in Leipzig engagiert. Ich bin nach Weimar gefahren und habe dort zum ersten Mal die Batsheva Dance Company mit einem Stück von Ohad Naharin gesehen, das hat mich unglaublich angefixt und berührt. Ich habe dort etwas entdeckt, das mich als Tänzer, als Choreograf und als selbstreflektierenden Künstler angesprochen hat: diese ganz eigene, kraftvolle Sprache und Intensität, die ich zuvor von meiner Ausbildung an der Palucca Schule her kannte. Es war ganz anders als der Palucca Stil, aber es ergaben sich auch ganz deutliche Parallelen: im Entwickeln einer eigenen Identität im Tanz, in dem in-sich-hineinhören, dem Spaß, der Möglichkeit, mit dem Tanz über das Leben zu erzählen.

> Tyler Galster hat davon erzählt, Naharins entscheidender Auftrag vor Beginn der Proben im Ballettstudio sei: »Make yourself available. Du musst dich der Choreografie und der Bewegung offen zur Verfügung stellen«.
< Das ist, worum es geht, bei Gret Palucca, später bei Martha Graham und auch bei Ohad Naharin: Es gibt für jede Bewegung eine Motivation, die kann emotional begründet sein oder aus einem Reflex heraus kommen oder aus dem Intellekt geführt sein. Dieses Gespür muss man entwickeln, für diese Motivation muss man offen sein.

> Das ist eine große choreografische Spannweite, die das Leipziger Ensemble in dieser Spielzeit ausbreitet: Einflüsse von Palucca, Scholz, Schröder und nun Ohad Naharin. Was zeigt diese Reichweite der tänzerischen Ausdrucksformen? Dass die Company dieses Niveau, diese Klaviatur mittlerweile beherrscht?
< Das steht außer Frage – man lernt aber auch nie aus. Es ist uns in allen Arbeiten ein Anliegen, dem Publikum trotz der großen stilistischen Bandbreite die Verbundenheit dieser Ausdrucksformen aufzuzeigen. Sie sind verbunden durch den Künstler, der sie auf der Bühne zeigt. Durch die Aneignung, durch das sich-zu-eigen-machen. Durch die eigene Tradition, die eigene Kultur und den eigenen Erfahrungshintergrund, den jeder unserer Tänzer mitbringt. Die Heterogenität der Company kommt hier voll zum Ausdruck. Der eine fühlt sich in dieser Sprache mehr zu Hause, der andere in jener. Durch die Auseinandersetzung mit ganz unterschiedlichen Choreografien kommt es im besten 14 Fall zu einer Rückkopplung, zu einer Befragung der eigenen Identität. Das Leipziger Ballett ist in seiner jetzigen Zusammensetzung prädestiniert für eine Splittung zwischen verschiedenen choreografischen Stilen. Ich bemerke da ganz deutlich eine Weiterentwicklung, eine Öffnung des Ensembles aus technisch sehr hohem Niveau.

> Ist das Leipziger Publikum bereit für Ohad Naharin?
< Die Offenheit ist da. Und auch eine gewisse Erwartungshaltung. Eine Erwartung, die ich immer habe wenn ich mit etwas neuem in Kontakt trete. Entscheidend ist: Wie frei bin ich, wie offen bin ich in meiner Erwartungshaltung? Wie weit lasse ich mich von dem, was ich vorab lese, was ich zur Premiere auf der Bühne sehe, inspirieren? Der erste Punkt bei einer Erwartung sollte sein, bereit zu sein für etwas Neues.

> Kann die Begegnung mit Ohad Naharins Stil für das Publikum ebenso eine Weiterentwicklung der Sehgewohnheiten sein wie für die Tänzer?
< Ohad Naharins Sprache ist eine sehr intensive, eine sehr von Emotionen gefüllte Sprache. Diese Emotion und Intensität wird sich auf das Publikum übertragen. Mir gefällt die Idee, über die Einladung eines Gastchoreografen auch gleichzeitig einen Kulturaustausch anzustoßen, einen Dialog zu starten. Speziell im Verhältnis Deutschland – Israel empfinde ich diesen Gedanken als etwas ganz Besonderes. Es ist schön zu sehen wie bei dieser Zusammenarbeit – über die gemeinsame Sprache des Tanzens – zwei unterschiedliche Kulturen zusammenkommen und zusammenfinden – und das Leipziger Ballett kann diesen Austausch, diese Botschaft anregen.

»Decadance«

»Blue Monday« am 14. April 2014
»Werkstatt« am 8. Mai 2014
Premiere am 17. Mai 2014
Aufführungen am 24. Mai / 30. Mai / 1. Juni / 13. Juni / 15. Juni 2014

Impressum: Redaktion Olaf Bargheer. Gestaltung Titelüberschriften Formdusche. Fotos von Toni Wilkinson und Gadi Dogon für die Batsheva Dance Company Tel Aviv und von Bettina Stöß für die Oper Leipzig. Produktion Videotrailer Agentur Lumalenscape.

03.03.2014
von scoop think tank

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