Flow Control

Flow.Control. – sagt Peter Wippermann – ist der neue Quellcode des Wandels und daher der suggestive Titel des 15. Deutschen Trendtags am 15.09.2010 in Hamburg. In seinem Editorial schreibt der Gründer des Trendbüros und gestandene Marketeer über Digital Visitors und Digital Residents, über Netzwerk- ökonomie und über die unübersehbare Tatsache, dass nicht mehr nur die Qualität der Information, sondern die Qualität der Kommunikation zum Erfolg führt.

Eine andere Sache, die sich aus der Beobachtung der Kommunikation im sozialen Netz feststellen lässt: Die Technologie entwickelt sich schneller als die Gesellschaft. Dreißig Jahre werde es sicherlich dauern, bis sich unsere Denk- und Verhaltensweisen den digitalen Möglichkeiten angepasst haben und die Kommunikationsform des Internets mit all ihren Möglichkeiten in der gesamten Gesellschaft angekommen ist. Denn “die Medien, die man in der Kindheit lernt, sind Umwelt. Die anderen bleiben einem von der Grundidee her fremd.“

(aus “Die Presse” Printausgabe vom 17.07.2010 zum Wiener Digitalmarketing-Kongress 2010)

Flow.Control. Der neue Quellcode des Wandels

Von Peter Wippermann

Customer-Lifetime-Value heißt die Währung des Erfolges für Unternehmen in der Netzwerkökonomie und nicht mehr Mass-Market wie in der Industriekultur. Für Unternehmen ist es wichtig zu erkennen, dass die permanente Beziehung zum Kunden zum alles entscheidenden Wirtschaftsfaktor wird. Wer hier ein ermutigendes Beispiel aus der globalen Wirtschaft sucht, sollte sich den Siegeszug von Apple oder Amazon genauer ansehen. Medien haben ihren Charakter geändert. Sie helfen nicht mehr in erster Linie, Produkte zu verkaufen, sondern entwickeln sich zum Zentralnervensystem eines Unternehmens. Aus der Strategie des Abverkaufs von Produkten wird ein Beziehungsmanagement der gemeinsamen Interessen. Die neuen Prozesse zielen auf individuelle Dialoge mit jedem einzelnen Kunden, und das weltweit. Nicht die Quantität der Information, sondern die Qualität der Kommunikation führt zum Erfolg.

Der anschwellende Datenstrom ist über die Ufer der traditionellen Medienkanäle getreten. Die Deiche zwischen Kommunikation, Transaktion und Produktion sind unter den Bedingungen des Internets gebrochen. Die Grenzen von Arbeit und Freizeit verschmelzen zu einem einzigen Flow. Ein virtuelles Doppelleben zwischen Work-Flow und Life-Flow bietet unbekannte Chancen und Risiken. Für die nächsten Jahre wird es besonders darauf ankommen, dass man sich nicht nur für die neuen Technologien begeistert, sondern vor allem ihre kulturelle Akzeptanz analysiert. Unternehmen können von der neuen digitalen Real-Time-Analyse des Life-Flows ihrer Kunden enorm profitieren: Geoinformationen, Bewegungsbilder, hoch individualisierte Bedürfnis- und Konsumprofile und das steigende Involvement der Konsumenten mit ihren Marken im Social Web unterstützen allesamt das Beziehungsmanagement zwischen Unternehmen und souveränen Konsumenten. Auf der anderen Seite entwickeln Arbeitnehmer und Konsumenten neue Abwehrformen gegen die Übergriffe des Work Flow auf ihr privates Leben. Die Vorbehalte gegen den gläsernen Kunden und den digital völlig verfügbar gemachten Mitarbeiter wachsen. Mit der Angst vor dem Kontrollverlust verstärkt sich der Wunsch nach Privacy. Gleichzeitig stehen die Früchte der Digitalisierung und der neue Komfort der Vernetzung immer noch nur wenigen zur Verfügung.

Die Gesellschaft wird sich weiter polarisieren: Aus den Digital Immigrants haben sich in den letzten Jahren die Digital Visitors entwickelt, und aus den jungen Digital Natives sind heute erwachsene Digital Residents geworden.

Digital Visitors

Die Digital Visitors suchen noch immer nach Control und orientieren sich an den rettenden Ufern der langsam virtuell überschwemmten realen Welt. Digital Visitors sind mit Massenmedien aufgewachsen und gelegentliche Besucher der neuen Netzwerkwelt. Sie müssen umlernen auf Personal Media, von Monolog auf Dialog, von Hierarchie auf Netzwerk. Kontrollverlust macht ihnen Angst. Ihre Erfahrungen und Erfolge in der Industriekultur verlieren in der Netzwerkökonomie rapide an Wert. Deshalb lieben sie Gruselgeschichten vom Burn-out, und Horrormeldungen über Multitasking als Körperverletzung verschaffen ihnen Angstgenuss. Sie verstehen schwer, dass man Netzwerke nicht kontrollieren kann. Sie sind der Flaschenhals des technologischen Fortschritts. Der Rückzug in die analoge Privatsphäre wird für sie zur Insel der Glückseligkeit. Der sensationelle Verkaufserfolg der Zeitschrift „Landlust“ spricht Bände. Control heißt hier Ausstieg.

Digital Residents

Die Digital Residents baden im Datenmeer. Sie lieben den Flow, das Gefühl des völligen Aufgehens im Networking. Sie sind mit interaktiven Medien aufgewachsen und erleben die virtuelle Welt als zweite Natur. Sie erwarten die richtige Botschaft zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die erste Wirklichkeit der realen Welt kombinieren sie in Echtzeit mit der virtuellen zweiten Wirklichkeit, der Augmented Reality. Das ist für sie nicht mehr Science-Fiction, sondern Alltag. Spontan handeln zu können und ein unmittelbares Feedback zu bekommen gibt ihnen ein Gefühl, die Kontrolle über ihre Aktivitäten zu behalten. Control bedeutet bei ihnen Mitgestaltung, nicht mehr Meinungsmacht. Sie sind Mitspieler und nicht mehr Leser, Hörer oder Zuschauer und wandeln sich vom Konsumenten zum Prosumenten – dem neuen freien Mitarbeiter der Unternehmen. Sie sind die Pioniere der Netzwerkökonomie. Sie lieben Cherrypicking statt Fleißarbeit und praktizieren Selbstkontrolle statt Systemkontrolle. Flow.Control. ist ihre Lebensphilosphie.

Flow.Control. ist ein mehrdeutiger Arbeitsbegriff. Der bei der Steuerung von komplexen, schnell ablaufenden Systemen entstehende Flow greift auf unser Leben über: Control steht für den Versuch, zwischen Über- und Unterforderung die Balance zu halten. Das Ziel ist ein persönlicher Life Flow, den man anschwellen (verlinken), eindeichen (filtern), aber auch versickern lassen (unsichtbar machen) kann. Flow.Control. ist ein Trend, der in einer dynamischen und flexiblen Gesellschaft geschäftlich zum Wettbewerbsvorteil und privat zum Glück führen kann.

23.07.2010
von scoop think tank

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