Die Unruhe der Buchfinken

Kolumne für die erste Ausgabe des DARE Magazins im Februar 2008. “Das war doch mal recht aufschlussreich”, kommentierte der Publizist Holm Friebe eine müde Panelrunde zum Thema “Ressource Kreativität”. “Ich komme mir ein wenig vor wie ein Buchfink in der Sicht eines Ornithologen.” Was die Panelrunde zuvor unternommen hatte, war der Versuch, in Kuchendiagrammen wissenschaftlich aufzudröseln, wie die Arbeits- und Lebensformen der wachsenden Schar der Kreativwirtschaftler aussehen. Holm Friebe, so gesehen Kreativwirtschaftler der ersten Stunde, hatte vor zwei Jahren den Begriff der ‘digitalen Bohème’ entwickelt und wird seitdem als Referent herumgereicht. Nun zuppelte er an seinem schwarzen Cord, strich sich eine Strähne aus dem breiten Gesicht und fühlte sich sichtbar unwohl. Was interessiert den Buchfink die Klassifizierung eines Ornitologen. Er sieht zu, dass er seine Bucheckern zusammen bekommt. Für die Kleinen im unsicheren Nest. Für den nächsten Winter.

Bohème, mit dieser Titulierung ist man d’accord, wenn man in Agenturen sein Brot verdient, im Journalismus, im Kulturbetrieb, im Design. Eine kribbelige Anrüchigkeit schwingt da mit, eine Unstetigkeit, die einen davor bewahrt, sich festzulegen, offshore segeln auf kabbeliger See, auf der Brandung der implodierten Arbeitswelt surfen. Der Bohèmien ist gewappnet, weil er nie einen Glauben besaß, der erschüttert werden konnte. Weil er keinen Job verlieren kann, lediglich einen Pitch, ein freiberufliches Engagement. Zwischen Gelassenheit und Sturheit passen nur wenige Blatt Papier.

Ich bin ein gelassener Mensch. Niedersachse. Kaufmannsfamilie. Pragmatisch, zwei Beine auf dem von Wind und Regen fermentierten Boden. Ich schlage mich durch das Jahr, mit exakt dem Auskommen, das die Soziologie neuerdings als Durchschnitt der kreativen Klasse taxiert. Vor der Tür meiner Bürogemeinschaft parkt ein durstiger alter Kombi. Auf dem Schreibtisch Moleskine Notizen. Der Apfel auf meinem Rechner ist mit Gaffa-Tape abgeklebt. Wenn ich Freunde treffe, habe ich jedes Mal eine neue Story, ein neues Engagement. Ich sage immer: Da hat sich ein hochspannendes Projekt aufgetan, in das ich involviert bin. Meine Freunde sagen dann: Verdammte Axt, du redest immer so leidenschaftlich von deinen Jobs, du kriegst es hin, immer an Sachen zu sitzen, die du inhaltlich voll vertreten kannst. Kein träger Apparat. Keine Reibungsverluste. Chapeau.

Mit sechs Jahren lernt man: Dass man mit einem Fahrrad nicht umfällt, liegt daran, dass man mit hoher Geschwindigkeit fährt. Wer Tempo rausnimmt, auf der Stelle verharrt, kippt um.

Mit sechs Jahren hat man auch schon gelernt: Leg dir die Tatsachen so zurecht, dass du gut dabei ausschaust. Eine sichere Strategie, nicht angreifbar zu sein. Wir suchen die Gewissheit, selbst wenn sie autosuggestiv begründet ist. Kollektiv mit Style aufgeladene Gewissheiten nennt man Hype.

Ich stecke in einem Hype. Ich bediene einen Hype. Und komme nicht umhin festzustellen: mein kreativwirtschaftliches Leben jenseits der Festanstellung spart eine entscheidende Leerstelle aus: Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit. Der alternative Arbeits- und Lebensentwurf erfährt mehr und mehr Zuspruch und Zulauf, weil er den Einzelnen Rückhalt gibt in ihren Versuchen, Designstores im Hamburger Karoviertel aufzumachen, 60er Jahre Nussbaum Möbel am Prenzlauer Berg zu verkaufen oder virale Marketingstrategien an Global Player Unternehmen. Eine Architektengemeinschaft versteht es, renommierter rüberkommen als eine alteingesessene Anwaltskanzlei. Mit Verve geschriebene Ratgeberliteratur der digitalen Bohème lässt sich gut niedersächsischen Eltern in die Hand drücken oder Kulturmanagement- studenten, die in ihren Master Studiengängen Audience Development für Staatstheater gelehrt bekommen, aber nicht, wie sich Kreativität wirklich entfalten kann.

Die Kreativität ist ein Mantra. Die Bohème ist ein Mantra. Wir tragen es vor uns her, wir murmeln es vor uns hin, repetitiv, wenn wir mit dem Volvo an der Super-Zapfstelle stehen, mit dem abeklebten Apfel in einen unbezahlten Pitch gehen, unserer Freundin die Zweifel an Familienplanung zu nehmen versuchen. Der Buchfink braucht schon deshalb die Klassifizierung des Ornithologen nicht, weil er genügend Buchfink-Compañeros um sich hat, die ihm bestätigen: Wir sind die Buchfinken. Eine formidable Vogelspezies, mit Chuzpe und Understatement. Wir wissen, was wir tun, und was wir tun, ist gut, weil kreativ.

“There are no answers. Only choices”, erkennt der in Ungewissheit gestürzte George Clooney in Steven Soderbergh’s “Solaris” Adaption. Wir suchen den Halt im Hype immer dann, wenn wir um Erklärungen verlegen sind. Es ist eine Entscheidung für den Stil, nicht den Gehalt. Mit einem durstigen Wagen und einer Club Mate werktagnachmittags am Fischmarkt langzublubbern ist nicht zuletzt Trotz und Selbstvergewisserung. Die Insignien der kreativen Bohème geben uns den Halt, den wir zu verlieren drohen bei Fragen nach der Substanz und Nachhaltigkeit dessen, was wir da treiben. Wie lange kann man sich aufreiben im Kulturbetrieb, wie viele halbgar zurechtgeköchelte Projekte braucht es, um Müdigkeit zu empfinden und Zynismus das Feld zu überlassen. Die Kälber der Kreativwirtschaft tragen eine veritable Schicht Gold. Aber klopft man sie auf Inhalte ab, ist der hohle Klang von geschulten Ohren gut zu vernehmen.

Das Einrichten in einem permanenten Provisorium bildet einen Resonanzkörper, der das Grundmissverständnis der digitalen Bohème durchklingen lässt: Hier geht es nicht wirklich um Selbstverwirklichung. Hier kennt man keine wirkliche Gelassenheit. Man schläft im Schlafsack. Kocht mit Gas. Sammelt Beeren. Wer dabei Idylle assoziiert, übersieht, dass dahinter Hunger lauert. Kalte Nächte. Unsichere Pfade. Heimweh.

Die Sache muss sich zurechtrütteln. Der Hype um die Kreativwirtschaft ist im Augenblick stärker als ihre Struktur. Wer seit Jahren drin steckt, wird seine Nischen ausbauen, mit einer Dienstleistungshaltung, die Abstand zu den Dingen bewahrt und ein gewisses seismografisches Gespür. Pragmatismus ist eine reichlich wenig bohèmehafte Sichtweise. Aber eine, die Ausgeruhtheit gewährleistet und als Stützrad funktionieren kann. Ein Leben darf nicht nur deshalb in stabiler Bahn laufen, weil es mit hoher Drehzahl betrieben wird.

28.02.2008
von scoop think tank

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