Workshop »Online-Redaktion« Schauspielhaus

Die Anfrage weckte den Sportsgeist: Eine Woche vor Festivalstart wurde der scoop think tank ins krisengeschüttelte Deutsche Schauspielhaus geladen um einen Workshop zum Online-Kulturjournalismus zu konzipieren. Das viertägige Theatertreffen »Herzrasen« lud nicht nur Produktionen zum Thema »60+« auf die Bühne, theaterinteressierte Ü60er waren auch eingeladen, sich in den Workshops mit Neues Medien und journalistischem Arbeiten vertraut zu machen. Aus dem viertägigen Projekt heraus ist ein Festivalblog mit dem einen und anderen tragfähigen Reaktionsformat entstanden – im besten Fall ein Kick-off für eine permanente schauspielhauseigene Online-Redaktion, die den Produktionsbetrieb Theater in Bildstrecken, Interviews und Portraits dokumentiert. Dann auch in visuell hochwertigerer Form – die Website des »Herzrasen« Theatertreffens wurde in die Plattform theaterblogs.de integriert. Das platzierte die Artikel in ein vorhandenes, starkes Umfeld, ließ allerdings nur eine sehr limitierte Gestaltung zu – die Version des von theaterblogs.de verwendeten WordPress-CMS hat zugegebenermaßen reichlich antiquarischen Charakter.


Editorial

Die Artikel dieses Online-Magazins entstanden im Rahmen eines viertägigen Workshops zum “Herzrasen” Theatertreffen 2010. Das Wort “Workshop” ist schon ok. Hat was von Werkstatt, zusammen was erarbeiten, auch viel lernen, aber nicht über Frontalvorträge, sondern in lockerer Runde, offene Gesprächssituation mit Workshopleiter als Moderator. So ein Workshop hat eine spezifische Größe, bei der es gut läuft. Gerade, wenn man am Ende etwas auf die Beine gestellt haben möchte. Können acht Teilnehmer sein, können fünfzehn sein, mehr Teilnehmer lassen die Lage kritisch werden. Dass es auch Untergrenzen gibt, wurde beim Workshop “Kulturjournalismus” beim “Herzrasen” Theatertreffen allzu deutlich:

Ein kurzfristig angefragter Workshopleiter, zwei junge Praktikanten aus der Öffentlichkeitsarbeit des Theaters und sage und schreibe zwei Teilnehmerinnen aus der alterstechnisch anvisierten Zielgruppe des Festivals schaffen einen Personaldecke, deren Statik kaum belastbar ist im Angesicht der Aufgabe, innerhalb von drei Tagen einen redaktionellen Festivalblog aus dem Boden zu stampfen.

Da lässt es sich schlecht verstecken hinter redefreudigeren Teilnehmern. Da lassen sich auch keine tastenden Annäherungen vornehmen. Dieser Workshop ist von der ersten Minute an – kaum hat man die Jacken abgestreift und über die Stuhllehnen des Dramaturgiebüros gehängt – eine Redaktionssitzung, in der ein verbindlicher Ton angeschlagen wird und ein Tempo, das nicht unbedingt die Reisegeschwindigkeit eines Pensionärs ist.

Zwei erstaunliche – und für die Altergruppe der 60+ eben doch charakteristische – Merkmale: Von befürchteter Unflexibilität der Teilnehmerinnen keine Rede. “Nun denn”, wurde da gesagt, “das hatten wir uns schon ein bisschen gemächlicher vorgestellt, aber dann machen wir wohl jetzt ein paar ganz andere Sachen, als das, wegen dem wir hier hergekommen sind. Morgen früh wiederkommen werden wir in jedem Fall.”

Von einem durch den immensen Altersunterscheid begründeten Aneinandervorbeireden hat auch keiner der Gruppe etwas gespürt. Die beiden zwanzigjährigen Praktikanten – Digital Residents mit entsprechend schnellem Denken bei verhältnismäßig geringem Erfahrungsschatz – brachten ebensoviel subtile Auffassungsgabe und Textleidenschaft mit wie die Mittesechziger – deren IT-Skepsis zu Beginn so groß war wie ihr Erfahrungsschatz als Theatergängerinnen.

Drei Tage später lässt sich feststellen: Man kann mit einer derart ins kalte Wasser gestoßenen kleinen Redaktion erstaunlich gute Textarbeit leisten. Natürlich nicht was Textvolumen und Artikelmenge angeht. Das Wort Hausaufgaben hört man auch mit 60+ nicht gern. Aber die Aussicht, in diesem Workshop nicht allein kulturjournalistische Grundlagen und editorische Sicherheit vermittelt zu bekommen, sondern die entstehenden Textformate in eine übergeordnete Fragestellung einzubetten – das vermag enorme Motivation freizusetzen, und Feinarbeit bis in den kleinsten Nebensatzeinschub hinein. Wer schreibt, bleibt – auch wenn am Ende des Workshops kein gebundener Reader steht, sondern eine für Digital Abstinents ungewöhnliche Form eines Festivalblogs.

Sagen wir mal so: es lässt sich nicht ernsthaft behaupten, wir hätten einen Festivalblog geführt. Das entspräche in keiner Weise dem Selbstverständnis der Medienbranche. An einen Festivalblog hätten wir den Anspruch gelegt, ein umfassend abgerundetes redaktionelles Abbild der vier Tage des Theatertreffens zu liefern: Stückrezensionen, Interviews mit Projektverantwortlichen und Theatergängern, umfangreich recherchierte Hintergrungfragestellungen, Gossip, Kolumnen, Atmosphäre, Bild- und Filmdokumentation.

Trotz der Tatsache, dass alle diese Formate naturgemäß nur angeteased werden konnten, ist die Denk- und Arbeitsweise in den drei morgendlichen Redaktionssitzungen dieselbe gewesen wie die in einem Think Tank, der sich anschickt, ein relevantes neues Theatermagazin auf den Markt zu bringen. Da wurden Grundsatzdebatten um Theater, demografischen Wandel und Publizistik geführt – und das im Rahmen eines Workshops, von dem zuvor jeder Teilnehmer angenommen hatte, man bekommt ein paar nette, bescheidene Einblicke in die Schreibe einer Theaterrezension.

Das Deutsche Schauspielhaus und die Körber Stiftung haben sich und dem angesprochenen Publikum mit dem “Herzrasen” Festival einen echten Gefallen getan. Wir haben durch unseren dreitägigen Workshop nur einen kurzen Einblick geben können, aber die Versuchsanordnung – drei Generationen in eine Theater-Online-Journalismus-Runde zu werfen – war interessanter und in Passagen ergebnisreicher als eine sonst übliche Redaktionsklitsche aus smarten Mittdreißiger-Medienmachern.

Genau diese angenehme Erfahrung hoffen wir in den entstandenen Essays, Kolumnen und Interviews spiegeln zu können. Im besten Fall funktioniert dieser Blog also als “Kick-off”, der zeigt, wie eine permanente hauseigene Redaktion am Theater aussehen kann.

Olaf Bargheer, Workshopleitung “Kulturjournalismus” zum “Herzrasen” Theatertreffen 2010

05.10.2010
von scoop think tank

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