Kunstbetrachtung aus dem Off

In Hamburg bemühen sich Orte für freie Kunst um Öffentlichkeit und Stadtentwicklung Mehr als 20 Off-Kunsträume in Hamburg zeigen in diesem Monat europäische Künstler. “Wir sind woanders” ist das erste Festival in Hamburg, das mit einem durchorganisierten Programm die freie Kunstszene an die breitere Öffentlichkeit bringen will. Jeder Ort präsentiert abwechselnd einen Gastkünstler oder ein Künstlerkollektiv. Entstanden ist ein Spektrum durch die gegenwärtige europäische Kunstszene. Anna-Carla Melchert (Text) und Olaf Bargheer (Bildstrecke) für ZEIT Online im Oktober 2007.

Betrachtung aus dem Off

Die freie Hamburger Kunstszene will sich öffentlicher machen. Dazu vereint sie sich während eines gemeinsamen Festivals mit europäischen Partnergalerien. Von Anna-Carla Melchert

Ein Ladengeschäft, Jetzt-Kunst, junge Leute, Bier, Musik und angeregte Gespräche: Szenerie in einem Hamburger Raum für freie Kunst. Sie heißen SKAM, Hinterconti, Trottoir, Westwerk oder Oel-Früh, und obwohl die einzelnen Orte nicht unterschiedlicher sein könnten, sowohl inhaltlich als auch organisatorisch, gehören sie alle einer Kunstszene an, die von außerhalb des etablierten Kunstbetriebs versucht, Umbrüche voranzutreiben, Stadtviertel zu beleben und neue Standards zu setzen. Daniel Richter oder Jonathan Meese, die längst diesen Off-Bereich verlassen haben, wurzeln in der Subkultur und schmücken sich noch immer ihrer Herkunft.

Dieser Tage findet ein Festival statt, das mit einem komprimierten Wochenendprogramm, Taxishuttles, Audio-Guides, Führungen und Diskussionsrunden all diese Räume verbindet und so eine breitere Öffentlichkeit erreichen möchte. Denn für Außenstehende ist es oft schwierig, Anschluss zu finden, Termine in Erfahrung zu bringen oder auch Kunstwerke zu erwerben.

Wir sind woanders nennt sich also der Zusammenschluss der Hamburger Off-Kunsträume, die, wie der Titel suggerieren soll, in irgendeiner Form “woanders” und im Allgemeinen “anders” sind als etablierte Kunstinstitutionen. Doch wer und was sind diese Räume und was bedeutet eigentlich Off? In Hamburg sind dies rund 30 selbstorganisierte Kunst- und Kulturorte, die vor allem jungen Künstlern eine Plattform bieten, um Ausstellungen und Projekte umsetzen zu können. Sie decken eine Grauzone zwischen Hochschule, etablierten Galerien und musealen Institutionen ab und arbeiten auf einer experimentellen, kreativen und nicht-kommerziellen Ebene. Meist werden sie von Kunstinteressierten oder von Künstlern selbst ehrenamtlich betrieben. Ein Regelwerk scheint es nicht zu geben: Die Szene lebt in einem ständigen Prozess der Erneuerung und Selbsterprobung. Während es den einen Raum schon nicht mehr gibt, belebt ein neuer einen kulturell nicht etablierten Stadtteil. Wo man vor einer Woche noch klassische Malerei an der Wand hängen sah, findet diese Woche eine Videoperformance statt. Die Off-Räume sind Entwicklungslabore.

Das bedeutet aber auch, es kommt kein Geld über den Verkauf der Kunstobjekte rein. Die Räume sind demnach auf andere Geldquellen angewiesen und da steht an erster Stelle die Stadt als möglicher Geldgeber. Als im vergangenen Jahr sämtliche Gelder der Kulturförderung drastisch gekürzt wurden, sah sich die Szene in ihrer Existenz bedroht. Anlass genug, über sich selbst nachzudenken und nach Alternativen zur städtischen Finanzierung zu suchen.

Entstanden ist das Symposium Wir sind woanders, das in regelmäßigen Abständen über Selbstorganisation, gesellschaftliche Intervention, über Ausstellungspraktiken und die Nutzung des öffentlichen, zumeist urbanen Raums debattiert. So startete – trotz interner Differenzen zwischen den einzelnen Räumen, Koketterie, aufwendiger Antragsformulare – dank eines anonymen Mäzens in diesem Jahr das zweite Wir sind woanders-Festival. Um thematisch dem Symposium verbunden zu bleiben und den Ansprüchen des Spenders gerecht zu werden, wurden 22 unabhängige Kunsträume ausgewählt, die europäische Künstler oder Partnerinstitutionen einluden. Der Trick: Sie alle betreiben ähnliche Projekträume und beschäftigen sich mit denselben Fragen und Problemen wie die freie Szene in Hamburg.

In einer vierwöchigen Veranstaltungsreihe präsentieren nun abwechselnd alle Off-Räume ihre Gastkünstler. Das inhaltliche Programm variiert genauso stark, wie es auch sonst in der Szene üblich ist. Es gibt Einzelausstellungen, Kollektivausstellungen, Vorträge und öffentliche Diskussionsrunden. Aber immer geht es um einen Vergleich der Netzwerke in anderen Städten und Ländern, um das Zusammenspiel zwischen Kunst und Stadtentwicklung. Lokale Kunstszenen dienen zum einen der unabhängigen und kritischen Beäugung von unten, zum anderen wirken sie als Katalysator und Vorposten für die soziale und kulturelle Verankerung von Stadtteilen. Wo Subkultur brodelt, folgt bald ihre Einverleibung.

Eine Grundlagenforschung in Sachen Kunstbetrachtung für Institutionen, Wirtschaft und Politik, die stetig daraus schöpfen. So zeigt das Festival vor allem eines: Die Stadt schmückt sich allzu gerne mit einer freien Kulturszene, ist aber nur begrenzt gewillt, eine großzügigere Finanzierung zu stellen. Die Künstler und Betreiber fühlen sich ihrer Kreativität beraubt und können dennoch nicht auf die Unterstützung eines Mäzens verzichten, selbst wenn das Geld nicht frei verfügbar ist. So bleibt für die Szene und die Stadt alles ein Prozess – auch das ein Merkmal freier Kunst.

Bildstrecke von Olaf Bargheer auf ZEIT Online >>

22.10.2007
von scoop think tank

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