Es ist einfach Rockmusik

Das Hamburger Dockville Festival setzt auf Kunst- und Musikszene als Katalysatoren der Stadtentwicklung. Wer diese Ausrichtung außer Acht lässt und wie Daniel Richter die Tücken des Geländes toleriert, erlebt ein charmantes Wochenende zwischen aufgegebenen Hafenanlagen und Elbdeich. Olaf Bargheer für Art Magazin Online im August 2007.

Gerade noch in Sichtweite des Fesselballons, der über den Deichtorhallen schwebend einen Teil der Hamburger Skyline bildet, liegen die Wohnblöcke und Deichanlagen von Wilhelmsburg. Der südelbische Stadtteil gilt als soziales Problemviertel und unterliegt als solches einem wohlwollenden Stadtplanungsprogramm der Internationalen Bauausstellung. Eine Reihe unterschiedlicher Veranstaltungen, so die Prämisse des “IBA Kunst & Kultursommers”, sollen mit ihren eigenen künstlerischen Blickwinkeln vielfältige neue Sichtweisen auf die Elbinsel eröffnen und ihren “kreativen Reichtum” deutlich machen. Imageaufwertung, Sozialarbeit und kulturelle Leuchtturm-Projekte erfahren hier eine Engführung, die in ihrer medialen Schlagkraft beeindruckt. Der “Sprung über die Elbe” scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Breitenwirksamer Höhepunkt der IBA-Veranstaltungen in diesem Sommer ist das Dockville Festival, auf dem neben einem beachtlichen musikalischen Line-up die Kunst eine ebenbürtige Rolle spielen soll.

Daniel Richter, dessen jüngst zu Ende gegangene Ausstellung in der Hamburger Galerie der Gegenwart alle Besucherrekorde sprengte, versammelte eine junge Helferschar aus Architekturstudenten um sich, um drei Jahre vor der Fertigstellung schon jetzt die Elbphilharmonie zu errichten – aus Strandgut, aufgeschichteten Cargo-Containern und Industrieplanen. Seine Version des kulturellen Hamburger Aushängeschildes erhebt sich wie ein Potemkinscher Bau aus den krautbewachsenen Wiesen des Wilhelmsburger Elbdeiches. Eine aberwitzige Parodie auf City Branding und Hegemonialkultur. Das Hamburger Stadtwappen prangt blutig rot auf dem zerrissenen Segeltuch der Dachkonstruktion.

Richters Wagenburg ist die Heimstatt der jungen Dockville-Künstler. Street Art, Siebdruck, Videokunst und die brettharten Industrial-Performances des Berliners Nik Nowak beleben die kubistische Anhäufung der Boxen. Eine Riege Off-Kunst-affiner DJ’s legt im Inneren nachmittags Country, abends Deep-House auf. Der benachbarte Art Store St. Pauli hat auf dem Festival-Gelände eine Dependance in einer rot-blauen Jurte eröffnet. Die mit Preisschildern versehene Malerei hat durch die zirkusartige Ausstellungsarchitektur die Anmutung von Devotionalien. Kleinformatige Hafenidyllen, Ölstudien von Vögeln und Stieren sowie Referenzen an amerikanische 60er-Jahre-Werbetafeln wirken liebevoll, entfalten in dieser Umgebung aber wenig Eigenständigkeit.

Was die bei Dockville gezeigte Kunst so massiv irritiert, ist die Eigendynamik des Musikbetriebes: Kunst und Musik unterliegen den Mustern des Pop. Stilbildung, Labeling und Vermarktungsstrategien bestimmen auch die Kunst. Daniel Richter ist zu einem ebenso zugkräftigen Namen geworden wie Tocotronic oder The Whitest Boy Alive – beides Bands, die in ihren urbanen Berliner und Hamburger Szenen nicht nur musikalisch prägend, sondern auch künstlerisch involviert sind.

Die Musikszene bedient sich der Mechanismen des Pop mit größerer Selbstverständlichkeit. Ihr Erfahrungsvorsprung trägt den Sieg davon. Die Hoffnung der Veranstalter, ein Publikum aus gleichermaßen Musik- wie Kunst-Interessierten nach Wilhelmsburg zu ziehen, erfüllt sich nachweislich nicht: Durch den Ausstellungsparcours und die Philharmonieburg zieht viel bierseliges junges Publikum, dennoch empfinden die Konzertbesucher die Rundgänge zwischen den Live-Acts nicht als gleichwertiges Programm. Art Store und Kunstwerke wirken wie Staffage, adäquat zu den Greenpeace-, Sponsoren- und Cocktail-Ständen.

Paradigmatisch ist die Unterbringung des zentralen Merchandising-Standes in einem von Richters Containern: Band-T-Shirts und Poster kauft man beim Dockville aus einem Kunstwerk heraus. Die festivalspezifische Architektur und Materialität lässt die Installationen als solche kaum erkennen. Elemente des Messebaus, Planen und Holzverschalungen prägen die Substanz sowohl der Tontechnik- und Promotionbauten wie auch der Installationen. Eindringlicher als die Philharmonie ist der Dom einer Zigarettenmarke: Eine Kuppel aus beleuchteten Kissen, die Assoziationen an die neue Münchener Allianz-Arena zulässt und als Lounge für Raucher fungiert.

Eine gehaltvolle Aufwertung inmitten dieser popästhetischen Gemengelage bilden die Landschafts-Installationen der “Hafensafari”. Obwohl unabhängig vom Festival kuratiert, flankiert der gelungene Parcours an diesem Wochenende die künstlerischen Ausdrucksweisen des Dockville. Mathias R. Büttners “Drüben am anderen Ufer” blickt dräuend auf den Festivalbetrieb: Büttner gestaltete das verglaste Dachhäuschen des benachbarten Rethe-Speichers zu einem beleuchteten Grenzturm. Beate Eisfeld antizipiert die Geschichte des im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Hamburger Südens und stellt ihren “Krater // invers” in die Brachlandschaft: Eine fein zisilierte, gewölbte Holzkonstruktion, die einen Bombentrichter nach Außen stülpt.

Die IBA fördert beide Projekte, Hafensafari und Dockville, als Katalysatoren der Stadtentwicklung. Grundgedanke ist die Aufwertung von Stadtteilen durch die Nutzung und Ansiedelung der Kunstszene, die ein kreatives und letztlich wirtschaftskräftiges Milieu nach sich ziehen soll. Dieses Prinzip der Gentryfizierung hat mit dem Dockville Festival zunächst ein ansehliches Potemkinsches Dorf auf die gerodete Wiese gestellt.

Ob die Protagonisten glauben, dass die Initiative nachhaltige Wirkung zeigen wird, ist nicht eindeutig klärbar und vielleicht auch nicht beabsichtigt. Tocotronic, Headliner und Abschlussband des Festivals, setzen wie Richter auf augenzwinkernde Agitprop und lassen ihre letzte Zugabe in einer Rückkopplungsorgie enden:

“Ich weiss nicht, wieso ich euch so hasse / Tanztheater dieser Stadt / Ich bin alleine / Und ich weiss es / Und ich find es sogar cool / Und ihr demonstriert Verbrüderung”

30.09.2007
von scoop think tank

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